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TV-Kritik: Das Supertalent:Die Freakshow des Dieter Bohlen

Ein Kandidat, der sich das Show-Logo an die Stirn tackert? Bruce Darnell meint "totally krank" - doch das Bohlensche Grinsen sitzt bombenfest. Bis ein Möchtegern-Dieter die "Supertalent"-Bühne betritt.

Er zerschlägt eine Bierdose vor der eigenen Stirn. Er schnupft ein Kondom durch seine Nase und bläst es aus dem Mund heraus wieder auf. Er sticht mit einer Gabel in Richtung Auge und lässt weiße Glibbermasse durch die Finger laufen. "Totally krank", urteilt Supertalent-Juror Bruce.

Ist Dieter Bohlen Künstler?

"Drei Mal Yes": Selbst einen Kandidaten, der die Geschmacksfragen-Schmerzgrenze eindeutig überschreitet, winkt Supertalent-Juror Dieter Bohlen gut gelaunt in die nächste Runde.

(Foto: dpa)

"Just kidding", alles nur ein Scherz, sagt Richard Sean Wilson dazu. Doch als der Extrementertainer sich dann tatsächlich mit einer Heftklammer-Pistole ein DIN-A4-Foto mit dem Supertalent-Logo auf die Stirn tackert, da wird es dem zarten Herrn Darnell doch etwas zu wild.

Während sich die Bildregie aufgekratzt am Schwarz-Weiß-Superzeitlupenmodus berauscht, steht Bruce auf und macht Anstalten, den Saal zu verlassen. Auch Kollegin Sylvie van der Vaart ist das Entsetzen ins Gesicht geschrieben - jedenfalls wenn man den penetrant wiederholten Einzelbild-Kameraeinstellungen glauben darf.

"Du bist der erste Kandidat, der mich übel gemacht hat", blafft sie den wild entschlossenen, über und über tätowierten Kalifornier an. Und dann die Sensation: Die drei Juroren werfen alle Bedenken über die eigene Geschmacksfragen-Schmerzgrenze, die erwartbare Aufregung der Jugendschützer und den spürbaren Widerwillen im Publikum über Bord - und winken Richard Sean Wilson einstimmig durch.

"Drei Mal Yes", signalisiert Dieter Bohlen. Und jetzt schon ist er gespannt, was der Mann mit den furchterregenden Gold-Schneidezähnen bei seinem nächsten Supertalent-Auftritt plant.

"Die größte Show im deutschen Fernsehen kann es noch verrückter", kündigt die Eigen-Prahlerei zum Schluss bedrohlich an. "Liebe Kinder, nicht nachmachen! Das ist ein ausgebildeter Psychopath."

Der Warnhinweis von Moderator Daniel Hartwich, der mit Marco Schreyl versucht, ein wenig durch den knallbunten Abend zu führen, ist kurz vor dem Finale mit dem furchtlosen Sean mehr als berechtigt. Auch wenn letztlich doch nicht viel mehr zu sehen ist, als vom ersten Vorankündigungs-Trailer an festand.

Das Kleiderbügel-Durchstechen der Nase war bereits mehrfach gezeigt worden. Und doch fügt sich selbst ein "Freakshow Artist" wie der Tacker-Pyschopath trotz allem brav ins übliche Supertalent-Kindchenschema.

Zwar bleibt in seiner kurzen Vorstellung der sonst so werbewirksame Hinweis auf Hartz IV- oder Herzinfarkt-Schicksalsschläge außen vor. Doch auch mit dem Mann aus Long Beach springen die Tränendrüsen-Masseure der Weltgerechtigkeit nicht ganz freundlich um: Wenn man seiner traurigen Mär Glauben schenken darf, dann hatten Zollbeamten Wilsons vermutlich recht martialische Show-Ausstattung konfisziert. Und der Koffer mit seinen Requisiten hing angeblich am Flughafen in Amsterdam fest.

Doch wer Talent hat, weiß sich eben zu helfen: Kurzentschlossen organisiert er hinter der Bühne neues Folterwerkzeug. Und deswegen muss er den teuflischen Tacker nach der Show auch wieder den Technikern zurückgeben. So weit, so bewegend.

Bohlen jedenfalls zeigt sich berührt. Die Sendung, die ihre Jury - sowie das Publikum im Saal und in den Wohnzimmern - in ein Wechselbad der Emotionen taucht, ist somit doch noch zu einem trotzt aller Drastik versöhnlichen Ende gekommen.

Zuvor hatte sich vor allem Bohlen zwei Mal sehr ärgern müssen - einmal, als er zwei chinesisch-stämmige Entertainerinnen eigenhändig des Schummelns überführte. Zum anderen, als sich der Plastikpop-Produzent in Gestalt von Möchtegern-Musikmillionär Marc Sigal mit einer Art Alter Ego konfrontiert sah.

Die 22-jährige Akrobatin Jiaojiao Zhao, die auf mehreren Bambusstecken Porzellanteller rotieren lässt, während ihre Mutter süßliche Fernost-Schnulzen singt, hatte Bohlen noch vor ihrem Auftritt verhört. Er ließ sich versichern, dass das Wirbelgeschirr nicht regelwidrig fixiert war. Nach der Nummer sieht er sich arglistig getäuscht und in seinem Anfangsverdacht bestätigt. "Die waren ja doch festgeklebt", schimpft er.

Um das ganz deutlich zu machen, springt er selbst auf die Bühne, lässt die Klebe-Teller tanzen und säuselt dazu den alten Modern-Talking-Welterfolg "Cheri Cheri Lady". Offenbar eine Art Selbsttherapie.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Juror Bohlen auf die Konfrontation mit einem Möchtegern-Dieter reagiert.