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TV-Kritik: Anne Will:Eine Tüte Terror

Der Terror erreicht die Talkshow: Bei Anne Will redet der Fernseh-Amerikaner Don Jordan über eine unbewachte Tüte. Auch andere Terrorexperten sehen Gefahren. Da konnte Thomas de Maizière gut punkten.

Wolfgang Jaschensky

Da war er wieder: Don Jordan, der Mann, der vor Jahrzehnten im Aktuellen Frühschoppen der ARD bei einem Glas Wein den Amerikaner erklärte. Das war bei Werner Höfer, dem Gastgeber am Sonntagmittag.

'Focus': Innenministerium reagierte nicht auf Warnung wegen Terrorgefahr

Hatte es nicht leicht an diesem Abend: Innenminister Thomas de Maizière.

(Foto: dapd)

An diesem Sonntag saß der unvermeidliche Don Jordan, mittlerweile ergraut, wieder sonntags in der ARD, diesmal als der "wohl bekannteste Auslandskorrespondent in Deutschland". So schreibt es jedenfalls die Agentur Schenck, die die Dienste des umtriebigen Journalisten vermittelt. Wichtiger für die Einladung bei Anne Will war aber wohl eine andere Qualifikation: seine Nationalität. Jordan ist - trotz vieler Jahre in Deutschland - noch Amerikaner genug, um schon allein deshalb als Terrorexperte gelten zu dürfen.

Worum könnte es in einer Talkshow nach der "deutlichsten Terrorwarnung in der Geschichte der Bundesrepublik" (Anne Will) auch gehen, wenn nicht um die Frage: Im Visier der Terroristen - wie bedroht sind wir?

Don Jordan glaubt: sehr. Und es dauert auch nicht lange, da rechtfertigt er seine Einladung mit einer Beobachtung, die so nur ein Amerikaner machen kann: Bei seiner Reise von Köln ins Anne-Will-Talkstudio fiel dem Mann vor dem Flugzeug eine verdächtige Tüte auf - und auch, dass keinem deutschen Passagier die Verdächtigkeit dieser Tüte auffiel. Erst auf Jordans Intervention hin konnte das Objekt als Tüte des Piloten identifiziert werden. Die Erkenntnis des Amerikaners in Sachen Terrorabwehr: "Das Bewusstsein in Deutschland ist noch immer sehr unterentwickelt."

Nur mal so, in die Tüte gesprochen.

Diesen Eindruck verstärkt Melody Sucharewicz, der zweite Gast in der Runde mit einschlägiger Auslandserfahrung: Die gebürtige Münchnerin lebt seit mehr als zehn Jahren in Israel. Dort wurde sie durch eine Fernsehsendung bekannt, die "Israel sucht den Superbotschafter" heißen müsste, tatsächlich aber den Titel The Ambassador trägt. Bei Anne Will berichtet die Superbotschafterin nun davon, dass sie dazu bereit wäre, die Inhalte aller ihrer Briefe, Mails und Telefonate dem Vater Staat zu überlassen, damit der effektiver den Terror bekämpfen kann.

Die Sache mit dem Busfahren

Deutschland im Herbst, die Angst vor dem Terror schlägt in Hysterie um.

Nun freut sich ein Innenminister eigentlich über Bürger, die ihm bereitwillig persönliche Daten anvertrauen wollen, aber solch ein Angebot geht selbst dem bekennenden Vorratsdatenspeicherfreund Thomas de Maizière (CDU) eindeutig zu weit. Mehr geärgert haben dürfte sich der Minister allerdings über Sucharewicz' Beteuerung, in Israel noch nie mit dem Bus gefahren zu sein.

Mühsam hatte de Maizière zuvor versucht, die schwierige Balance zwischen Warnen und Panikmache zu wahren. Ja, man nehme die Hinweise auf bevorstehende Anschläge sehr ernst. Ja, die Bevölkerung solle wachsam sein. Aber nein, die Bürger sollen nicht auf Weihnachtsmärkte verzichten. Und nein, absolute Sicherheit gibt es nicht.

Und nun rät die junge Frau, die früher Botschafterin war und heute Politikberaterin ist, auf das Busfahren zu verzichten, um sich vor Terroristen zu schützen! Da muss der Innenminister intervenieren: "Ich will unsere Lage nicht verniedlichen, aber Israel lebt seit Jahren mit dem Terror, auch mit Raketen der Hisbollah und der Hamas vom Süden und vom Norden. Das ist mit unserer Lage nicht vergleichbar."

De Maizière hatte es nicht leicht an diesem Abend. Neben dem alarmistischen Amerikaner und der erratischen Botschafterin machte ihm auch einer seiner Vorgänger im Amt zu schaffen: Gerhart Baum, Innenminister zu RAF-Zeiten, wollte nicht einsehen, dass der Innenminister von heute 27 Stunden gebraucht hat, um die Attrappe auf dem Flughafen von Windhuk als solche zu identifizieren.

"Das hat sehr lange gedauert", insistierte Baum - auch nachdem de Maizière vorgerechnet hatte, wie lange deutsche Sprengstoffexperten für eine Reise nach Namibia brauchen. Auf Nachfrage von Anne Will erklärte Baum sogar, es beunruhige ihn, dass der Innenminister so schlecht informiert sei.

Der "Spiegel" ist an allem schuld

Doch all das konnte de Maizière an diesem Abend nicht aus der Ruhe bringen. Der 56-Jährige strahlte im schwarzen Dreiteiler genau jene Sicherheit und Souveränität aus, die sich Bürger in Zeiten von Terrorwarnungen von einem Innenminister wünschen. Und er sagte Sätze von einer Klarheit und Besonnenheit, die sich Bürger von jedem Politiker wünschen. So gestand de Maizière freimütig Defizite bei der Kontrolle von Luftfracht ein und erklärte, dass man einen Anschlag "insgesamt nicht verhindern kann".

Darin immerhin waren sich alle bei Anne Will einig.

Die einzig brauchbare Unterstützung für den Innenminister kam ausgerechnet von Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo. Am Vortag dürfte der Spiegel den Innenminister noch mit der Schlagzeile geärgert haben, dass der Reichstag im Visier der Terroristen steht. Doch in der Talkarena bei Anne Will war Mascolo der Einzige, der de Maizière nicht mit kruden Thesen oder seltsamen Beispielen überraschte. "Bisher gibt es wenige Punkte, bei denen wir heute Abend nicht einer Meinung sind", beschied der Minister sogar dem Spiegel-Chef - da hatte Mascolo für die Neuauflage eines Gesetzes zur Vorratsdatenspeicherung plädiert. Das alte hatte das Bundesverfassungsgericht gekippt.

Für den Höhepunkt des Abends sorgte allerdings Don Jordan. Der wohl bekannteste Auslandskorrespondent in Deutschland glaubt, eine Ursache für die wachsende Zahl deutscher Terroristen zu kennen. Die hätten, sagte Jordan, zu viel Antiamerikanismus im Spiegel gelesen.

Aber das hat er schon damals bei Werner Höfer gedacht. Da ging es um den Vietnamkrieg und um die RAF.

© sueddeutsche.de/jja

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