"Tracks East" in der Arte Mediathek:Aus dem Osten kommt das Licht

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"Tracks East" in der Arte Mediathek: Von Mariupol nach Berlin: Vlad Haustov schafft hier Solidarität unter Geflüchteten.

Von Mariupol nach Berlin: Vlad Haustov schafft hier Solidarität unter Geflüchteten.

(Foto: Mitya Churikov/ZDF)

Warum sehen alle russischen Männer aus wie Kriminelle? Die fabelhafte Doku-Serie "Tracks East" besucht junge Kreative in Osteuropa und räumt mit einem Klischee nach dem anderen auf.

Von Sonja Zekri

Warum sind eigentlich alle russischen Männer wie Kleinkriminelle angezogen und alle Frauen wie Prostituierte? Das sind sie natürlich nicht, aber Hand aufs Herz, wer hat jetzt doch einen Moment gezögert? Tracks East heißt eine dringend empfehlenswerte Serie von Reportagen aus Osteuropa (in der Arte-Mediathek), die diese und einen ganzen Stapel anderer Klischees über den Haufen wirft und zwar, das ist das Schöne, auf verspielte, originelle und trotz Ukraine-Krieg meist sogar optimistische Weise.

Der russische Fotograf und Schauspieler Gosha Bergal beispielsweise hat zum Kleinkriminellen, russisch: Gopnik, einiges zu sagen. Er hat den Gopnik im Kino gespielt, den dürren Körper im Trainingsanzug mit Wodkaflasche und Zigarette im Mund. Er weiß, dass der Gopnik-Style westliche Designer inspiriert hat, und er hat eine eigene Theorie, warum sich das Bild des Ganoven, der Romantisierung von Tristesse und Plattenbau-Elend so hartnäckig hält: weil es popkulturell eines der sehr wenigen ist, die der Osten nicht vom Westen übernommen hat.

Die Folge über den "Westen" ist ohnehin eine der originellsten bei Tracks East, denn sie nimmt die seit Ausbruch des Ukraine-Krieges oft versprochene neue Aufmerksamkeit für den Osten und dreht die Perspektive einfach um. Der Westen, so beschreiben es junge Kulturschaffende, Musikerinnen, Journalisten, ist kein idyllisches "Auenland" und der Osten kein "Mordor" wie bei Tolkien, und die Selbstgerechtigkeit, mit der der Westen Länder wie die Ukraine, Polen oder das Baltikum als eine Art B-Version Europas behandelt, geht ihnen sehr auf die Nerven.

"Tracks East" in der Arte Mediathek: Olena Karandieieva vom ukrainischen Staatsballett tanzt in Hamburg gegen die Trauer.

Olena Karandieieva vom ukrainischen Staatsballett tanzt in Hamburg gegen die Trauer.

(Foto: Kobalt Productions)

Andererseits, was heißt schon der "Westen" und der "Osten"? Sind das nicht nur ideologische Konstruktionen, zumal jetzt, nach dem russischen Überfall auf die Ukraine, wo der "Westen" für Russland ein eifrig gepflegtes Feindbild ist, während der "Osten" aus westlicher Perspektive irgendwie bedauernswert und auf jeden Fall anders und sehr fremd wirkt? Letzteres ist ein Eindruck, der sich nach den elf Folgen von Tracks East nicht mehr halten lässt, denn die jungen Menschen, die hier zu Wort kommen, wollen nichts anderes als das, was junge Menschen überall auf der Welt wollen: frei sein, ihr Ding machen, gehört werden, kurz: leben.

Denn natürlich hat der Krieg in der Ukraine Biografien erschüttert und Schicksale zerstört, er ist die Katastrophe dieses jungen Jahrhunderts. Aber er ist nicht das Einzige, was aus dem Osten zu erzählen ist. Deshalb besuchen die Filmemacher die ukrainische Influencerin Jerry Heil, die nach dem russischen Angriff auf ihre Heimat zur "War-Fluencerin" geworden ist, und ukrainische Flüchtlinge, die - "Exil Skurril" - über deutsche Mülltrennung und Bürokratie posten. Man trifft russische VIP-Dissidenten wie die Punk-Band "Pussy Riot" und geflohene russische Journalistinnen, die aus ihrer Arbeit im Inneren der Kreml-Propagandamaschine berichten. Aber die Serie hört auch armenischen Musiker zu, die im Zuge einer armenischen Repatriierungskampagne aus der Diaspora in den USA nach Jerewan zurückkehren, oder einem Reiseführer der sowjetischen Operetten-Republik Transnistrien. Bunt und aufregend ist dieser Osten, einfallsreich und selbstbewusst. Nichts wie hin.

"Tracks East", in der Arte-Mediathek.

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