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"Tatort" aus Köln:Komm, wir quälen unsere Kinder

Ein mehr als nur spannender "Tatort" aus Köln klärt schonungslos über das Risiko Patchworkfamilie und die Folgen von Selbstverwirklichung auf. Das Hauptopfer ist dabei nicht die Tote.

Alleine hat sie nicht gelebt, schlussfolgert Freddy gewohnt lakonisch: "Es sei denn, sie benutzt zwei Zahnbürsten und ein Aftershave." Kollege Ballauf quittiert die Feststellung mit der ihm eigenen Mischung aus genervt affirmativem Stirnrunzeln. Prompt befinden sich die beiden Kommissare nicht nur auf einem Clematisumrankten Balkon in Köln-Mülheim, sondern auch inmitten eines echten, grausamen Familiendramas.

Tatort

Diese Opfer leben noch: Es sind die Kinder. Ermittler Freddy Schenk (Dietmar Bär) greift sich einen jungen Zeugen (Ben Unterkofler).

(Foto: WDR/Uwe Stratmann)

Regina Scheffler, das Mordopfer, hat in der Tat nicht alleine gelebt, bevor sie tot vom Balkon fiel, schwanger im dritten Monat. Heiraten wollte sie ihren Lebensgefährten Jens Otten, einen geschiedenen Mann, Vater von zwei Kindern.

Patchworkfamilie wird so ein Arrangement eher wohlmeinend genannt - und, wer weiß, wenn alle sich lieb haben, kann sich auch aus einer emotional verminten Konstellation ein familiäres Vorzeigemodell entwickeln. Wenn nicht, ist Schluss mit vermeintlichen Euphemismen, das Ganze gleitet blitzschnell ab in eine fast antike Tragik - 21. Jahrhundert hin oder her. Genau das passiert in Schmale Schultern (Buch: Jürgen Werner), einem Tatort, der so dicht und deprimierend ist, dass man den Sonntagabend nicht nur nachdenklich, sondern fast erschöpft beschließt.

Die Hauptleidtragenden einer Scheidung

Es ist ein Lehrstück über das Scheitern: eines Plans, einer Ehe, einer Familie. Vor allem aber scheitern zahllose Bemühungen, irgendetwas wieder gut oder zumindest besser zu machen. Und es ist das Verdienst dieses Films, neben der Freude am vertrauten Geplänkel zwischen Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) an der Pommesbude vor Rheinbrücken-Dom-Kulisse, dass er zeigt, was Scheidungen den Hauptleidtragenden, den Kindern antun.

Immer noch. Mögen die Verhältnisse ach so modern sein, die Gesellschaft ach so tolerant, das Drama an sich ist ein klassisches: Die Tochter mag des Vaters Neue nicht, und weil sie in der Wohnung der Toten eine unmissverständliche Botschaft hinterlassen hat, steht sie unter Mordverdacht. Motiv und Gelegenheit, heißt das bei Freddy Schenk trocken. Ihr kleiner Bruder macht sich derweil traurig in die Hosen und die Mutter und Exfrau (wunderbar: Nina Petri) ist heillos überfordert.

Das Drama trägt dick auf; ein Mord, Geschrei, Tränen und beinah noch eine Katastrophe. Aber Beziehungen bergen, wenn sie entgleisen, wohl tatsächlich das Potential einer griechischen Tragödie. Und so vermengt sich hier Herzblut mit Hass, Kalkül mit Obsession - und alles bleibt doch nachvollziehbar: Der geschiedene Vater ist nicht nur der Böse, sondern auch derjenige, der nach wie vor die Familie alimentiert. Seine tablettensüchtige Ex-Ehefrau ist nie nur bemitleidenswert, sondern in ihrer Selbstaufgabe auch verstörend egoman. Ausschließlich Opfer ist nicht einmal die Tote, das sind alleine die Kinder.

Schmale Schultern ist mehr als nur spannender Sonntagskrimi (aber auch das ist er). Es ist ein Fernsehfilm, der einen mitnimmt, weil er sich plausibel mit einer Problematik auseinandersetzt, die man mittlerweile gern einfach so abtut. Schließlich stehen Trennungen auf der Tagesordnung so mancher Selbstverwirklichung.

Manchmal, soll heißen meistens, und das beweist dieser Tatort, braucht es weder effekthascherische Farben, noch krude Schnitte und schon gar keine Pharma-Atom-Menschenhandels-Konspiration, es reicht eine vierköpfige Familie.

Tatort - "Schmale Schultern", ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.