"Sushi in Suhl" in der ARD:Stört nicht beim Kochen

Lesezeit: 2 min

Sushi in Suhl

Freund der Fusionsküche: Gastronom Rolf Anschütz (Uwe Steimle, r.).

(Foto: Felix Holland/MDR)

Reisrollen statt Bratwurst: Ein Koch bringt japanische Küche nach Thüringen und mischt damit die DDR-Provinz auf. Der Spielfilm "Sushi in Suhl" erzählt eine fast wahre Geschichte.

Von Nicolas Freund

Rohen Fisch vom Boden essen? Und dazu Reisschnaps? Suhl ist völlig überfordert. 1966 eröffnet Rolf Anschütz (Uwe Steimle) in dem thüringischen Städtchen im Nebenraum seiner Gaststätte "Waffenschmied" das erste japanische Restaurant der DDR. Sushi und Sake werden dort an niedrigen Tischchen von einer ostdeutschen Geisha serviert. Gesessen und gegessen wird am Boden oder - in der Anfangsphase des improvisierten Etablissements - auf abgesägten Kneipenstühlen. Besonders letzteres löst bei den Testessern vom örtlichen Stammtisch fast so viel Heiterkeit aus wie der Reisschnaps.

Diesen Rolf Anschütz gab es wirklich. Die erzählte Geschichte ist wenigstens halb wahr. Sie basiert auf vielen langen Interviews des Produzenten Carl Schmitt mit dem Koch vor dessen Tod 2008. Regisseur Carsten Fiebeler machte aus dieser skurril-amüsanten Fußnote des ersten Japan-Restaurants der DDR-Geschichte einen ostdeutschen Wintermärchenfilm zum Wohlfühlen. Mit viel Exotik, Romantik und einem unerschütterlichen Helden.

Witzige, aber stets brave Karikaturen

Die Exotik in dem Film liefert die DDR. Braune Tapeten, Parteifunktionäre und eine eigenartige Organisation, die "HO" (Handelsorganisation), die bei gastronomischen und anderen Betrieben im ehemaligen Ostdeutschland bestimmte, in welche Richtung es gehen sollte. Nämlich ganz sicher nicht nach Fernost. Die dargestellten DDR-Typen sind teils witzige, aber stets brave Karikaturen.

Mit der halb-mafiösen HO bekommt es Anschütz im Film dank seiner "begehrenweckenden", fernöstlichen Kulinarik-Entgleisungen zu tun. Die HO hatte den Koch eh schon auf dem Kieker, nachdem er zu deren 23-Jahrfeier im "Waffenschmied" als Vorspeise Maikäfersuppe serviert hatte. Eigentlich eine thüringische Spezialität. Rostbratwurst hätte es halt auch getan.

Thüringer Traum vom Kirschblütenkitsch

Trotzig wie Anschütz als Filmheld ist, lässt er auf diesen Eklat hin seinem Faible freien Lauf. Bald drohen Gaststätte wie Ehe auf der Strecke zu bleiben. Beirren lässt er sich davon nicht. Japan geht vor. Verschneites, romantisches Thüringen oder Kirschblütenkitsch? Die etwas naiven Bilder träumen wie Anschütz von beidem. Hauptdarsteller Steimle lässt den Koch auch gemütsmäßig zwischen Extremen schwanken: mal euphorisch-aufgedreht, dann wieder grübelnd in die Ferne starrend - ganz der romantische Held eben.

Als ein japanischer Gastdozent dem Restaurant überraschend seinen Segen ausspricht, sieht auch die paranoide DDR-Aufsichtsriege von Sanktionen ab, denn Anschütz-San ist plötzlich Big in Japan: Wie praktisch für die SED-Doppelmoralisten, wollte man doch zu dem Inselstaat ohnehin Beziehungen aufbauen. Also her mit der Sojasoße und dem fetten Lachs.

Im Film ist diese dezente politische Note der Geschichte aber lost in translation. Die Anekdote vom unbeirrbaren, ostdeutschen Weltbürger bleibt ohne Würze und kommt nie über die Anfangspointe des Sushi-Kochs aus der DDR hinaus. Dafür turnt Christian Tramitz irgendwann mal nackt durchs Bild. Aber wirklich nur ganz kurz. Damit der Film, wenn er beim Kochen nebenher läuft, ganz bestimmt nicht stört.

Sushi in Suhl, ARD, 20.15 Uhr.

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