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Funk-Format "Strg_F":"Das hier ist eine journalistische Versuchsanordnung"

Fung STRG_F

In der Redaktion des Reportageformats Strg-F bleiben Journalisten oft nur eine anonyme Rückenansicht.

(Foto: Funk)

Das Reportageformat "Strg_F" bringt ambitionierten Video-Journalismus auf Youtube. Dem NDR dafür die ein oder andere Empörungswelle. Ein Besuch in der Hamburger Redaktion.

Von Aurelie von Blazekovic

Wäre dieser Text ein Film von Strg_F, würde er vielleicht so losgehen:

Im Juli hat das öffentlich-rechtliche Youtube-Format Strg_F das polizeiliche Vernehmungsvideo des mutmaßlichen Mörders von Walter Lübcke veröffentlicht. Die Veröffentlichung des zugespielten Videos werteten viele Medien als Rütteln an der Vertraulichkeit einer polizeilichen Vernehmung, deren Videomaterial auch vor Gericht normalerweise nur eine Teilöffentlichkeit erreicht. Überdies biete der Film einem Rechtsextremisten eine Plattform, werfe einen empathischen Blick, wo es keinen bedürfe.

Um besser zu verstehen, warum die Redaktion das in Kauf genommen hat und wie sie heute dazu steht, fahre ich jetzt mit dem ICE nach Hamburg zum NDR. Da treffe ich nämlich den Redaktionsleiter Dietmar Schiffermüller, und das ganz schön früh am Morgen.

100 Millionen Youtube-Aufrufe, einen Grimme Online Award

Na schön, das ist ein Zeitungstext und kein Film. Hier ist keine Reporterin zu sehen, bei der Recherche, beim Zugfahren, bei ihrem Besuch in der Redaktion, beim Schreiben dieses Textes. Ganz anders ist das bei den Filmen von Strg_F.

Das Reportageformat ist Teil von Funk, dem Jugendangebot von ARD und ZDF. Es gibt es zwei Jahre, 100 Millionen Youtube-Aufrufe, einen Grimme Online Award lang - und einige Empörungswellen. So nennt Schiffermüller das, was alle paar Monate über die Hamburger Redaktion hereinbricht. Zuletzt eben nach der Veröffentlichung des Vernehmungsvideos.

Man folgt den Reportern wie Detektiven auf Spurensuche

Auf dem NDR-Fernsehgelände führt Schiffermüller an einem Herbsttag durch die Redaktion, auf verschiedenen Stockwerken ein Zimmer hier, ein Zimmer da. Strg_F übernahm, was frei war im verwinkelten Kastenbau. Neben einer Handvoll fester Redakteurinnen und Redakteure arbeiten dort auch die freien Autoren, die in den Reportagen eine so zentrale Rolle einnehmen. Die Reporter führen in den Filmen von Strg_F vor der Kamera durch ihre Recherche. Sie sind dann beim Tippen in den Computer zu sehen, beim vergeblichen Anrufen zentraler Personen, beim Lesen wichtiger Nachrichten. Man folgt ihnen wie Detektiven auf Spurensuche. Inszeniert sei das nie, behauptet Schiffermüller. Aber unmittelbar soll erzählt werden, findet er, denn so erlebe man die Welt ja auch sonst. Und hier erlebt man: die Welt von Journalisten, die immer hinter wichtigen Sachen her sind.

Mit dem Titel des Formats ist die Tastenkombination gemeint, mit der man Texte und Seiten durchsuchen kann. Ungefähr das ist auch der erzählerische Antrieb der Filme. "Als Dramaturgie funktioniert die Suche immer", sagt Schiffermüller. Manchmal ist das die ganz buchstäbliche deutschlandweite Suche nach zwei Silos im Hintergrund eines Videos, um so dessen Machern auf die Spur zu kommen, die damit Menschen in fragwürdige Geldanlagen treiben. Aber öfters und überhaupt natürlich: die Suche nach der Wahrheit.

Dietmar Schiffermüller.

Zum Programm gehört für Redaktionsleiter Dietmar Schiffermüller, dass die Recherche der Journalisten ein Teil der Reportage wird.

(Foto: Christian Spielmann)

Während die Reporter sich ihr nähern, teilen sie ganz nahbar Erfolge und Misserfolge. Es sind die Sehgewohnheiten der sozialen Medien, die Strg_F in den Videojournalismus übersetzt. Ein paar Widrigkeiten auf dem Weg gehören bei so einer dramaturgisch sorgsam aufgezogenen Suche auch dazu.

Riesig groß müssen diese zu überwindenden Schwierigkeiten nicht sein. Im Film über Rapper Bushido und dessen ehemaligen Geschäftspartner Arafat Abou-Chaker erfahren die Zuschauer, dass die Reporter in Berlin auf dem Sofa schlafen und Pizza bestellen, während sie auf neue Entwicklungen warten.

Unter dem Video kommentiert jemand: "Ihr tut so als ob ihr irgendwo in Abbottabad gesessen und Bin Laden observiert hättet xD". Darauf angesprochen schlägt sich Schiffermüller, 49, lachend die Hand an die Stirn. Er kennt die Kommentare unter den Videos, und er ist niemand, der keine Fehler eingestehen will. Das mit der Nahbarkeit ist eine Gratwanderung.

"Wir sind hier wie junge Hunde, die gemeinsam losrennen."

2008 startete er das Reportageformat Panorama - die Reporter und zehn Jahre später mit Strg_F dann "Panorama - die Reporter auf Speed", so beschrieb er es früher. Heute will er lieber, dass Strg_F eine eigene publizistische Marke ist. In der Redaktion sehen manche einen Visionär in ihm, einen, der Formen durchbrechen, erzählerische Routinen vermeiden möchte. Er verbringt viel Zeit auf Youtube, hört privat den Deutschrap, um den sich Recherchen von Strg_F häufig drehen. Am Anfang führte er Kollegen in einer Präsentation mal ein paar erfolgreiche deutsche Youtuber vor. Streamer, die sich beim Zocken oder Biertrinken zeigen, zum Beispiel. Das sind eure Nachbarn, sagte er.

Casey Neistat ist ein Vorbild für ihn, der amerikanische Filmemacher und Youtuber, der mit großem erzählerischen Charme und Alles-selbstgemacht-Ästhetik zwölf Millionen Abonnenten versammelt. Ein bisschen von diesem Spirit bringt Schiffermüller in den NDR-Kastenbau. "Wir sind hier wie junge Hunde, die gemeinsam losrennen." Schiffermüller schätzt aber auch feste journalistische Standards, schwärmt von der BBC, wo er mal eine Zeit lang arbeitete, und wo es "die Bibel" gebe, ein Handbuch, das detaillierte Antworten habe auf alle möglichen Fragen zum Beruf des Videojournalisten.

Dort steht sicherlich auch etwas zum Umgang mit Kritik. Die Reporter von Strg_F stehen mit Gesicht und Namen zu ihren Filmen. Einige sind jung, machen gerade ihre ersten Arbeiten. Die Reaktionen in den Kommentarspalten können heftig werden - und persönlich. Es hat deshalb schon Seminare gegeben zum Umgang mit den Empörungswellen. Schiffermüller jedenfalls ist klar, was zu tun ist: Den Leuten antworten, beleidigende Kommentare löschen, bei den kontroversen Videos auf die Kritik ausführlich in der Videobeschreibung reagieren, gegebenenfalls Fehler eingestehen. Einmal haben sie einen Film heruntergenommen, umgeschnitten, neu hochgeladen.

Die Reporter von Strg_F stehen mit Gesicht und Namen zu ihren Filmen.

(Foto: Screenshot Yotube)

Die für Dietmar Schiffermüller anstrengendste Empörungswelle, weil sie ihm 2020 sein Silvester versaute: Als im Zuge der Umweltsau-Aufregung beim WDR auch ein alter Beitrag von Strg_F ins Visier wütender Twitternutzer geriet. Ein Film über Polizistenhass im Deutschrap, für den Strg_F einen Chor Raptexte singen ließ, die Polizisten beleidigen ("Fick die Cops"). Schlimm war das mit den Beleidigungen und Angriffen auch beim Film über "SS-Mann Karl M.", einen damals 96-Jährigen, der von Rechtsextremisten gefeiert wird und den Reportern gegenüber den Holocaust relativiert. Um der rechten Trollarmee in den Kommentaren Herr zu werden, hätten alle in der Redaktion mitgeholfen und moderiert. Nach einer Zeit, meint Schiffermüller, regulieren die Kommentatoren sich dann auch selbst. Heute ist Frieden unter dem Video.

Schiffermüller sieht das Vernehmungsvideo im Mordfall Lübcke als Dokument der Zeitgeschichte

Bei dem Vernehmungsvideo im Mordfall Walter Lübcke kam die Kritik weniger von anonymen Kommentareschreibern, sondern aus der eigenen Branche. Schiffermüller beantwortete tagelang Mails, gab Interviews, las vernichtende Kolumnen. Er habe dann ein ganzes Wochenende nachgedacht und in der darauffolgenden Woche mit Gerichtsreportern und Medienethikern gesprochen. Er würde den Anfang des Films heute anders gestalten, weniger schnell geschnitten, weniger knallig. Die Diskussion habe ihn aber letztlich in seiner Überzeugung bestärkt, sagt er. Er sieht das Vernehmungsvideo als Dokument der Zeitgeschichte. Es erhelle diese Tat. Das zähle. Als Blaupause für weitere Fälle soll die Veröffentlichung aber nicht gelten. Er finde es gut, das Thema auszudiskutieren, stark einzugrenzen, wann man so etwas machen darf.

In einem anderem Film bestellt Strg_F mit Hilfe eines zwielichtig wirkenden Hackers auf Instagram Drogen, um diese dann auf Echtheit prüfen zu lassen. Die Reporterin sagt da einen Satz, der das Konzept des Formats gut zusammenfasst: "Das hier ist eine journalistische Versuchsanordnung."

© SZ/hy
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