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"Ramy" auf Starzplay:Muslim auf Selbstfindung

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Ramy ist der warmherzige Protagonist und Muslim, Millennial und strenggläubig - zumindest versucht er, das zu sein.

(Foto: Craig Blankenhorn/Hulu)

Auch in der zweiten Staffel von "Ramy" hadert der muslimische Protagonist mit seiner Religion - das ist mal lustig, mal dramatisch. Aber vor allem authentisch.

Von Johannes Nebe

Ramy möchte gern ein Vorzeige-Muslim in New Jersey sein. Fünfmal am Tag beten? Das macht er gewissenhaft mit einer App, die ihn per Muezzin-Klingelton an die Gebetszeiten erinnert. Alkohol? Haram, übersetzt: verboten. Das klappt schon nicht mehr ganz so gut. Ramy trinkt, zwar selten, aber er trinkt. Sex vor der Ehe oder Pornos? Auch haram. Spätestens hier ist Ramy gewiss kein Unschuldslamm: Seinen Sexualtrieb stillt er mit an Sucht grenzendem Pornokonsum. Techtelmechtel mit seiner Cousine oder einer verheirateten Frau im Ramadan bereut er zutiefst - aber er hat sie. Der Imam der örtlichen Moschee kennt die Lösung: "Sei wie unser Prophet, der hat auch keine Pornos geschaut." Wenn es doch nur so einfach wäre.

Wie schon in der ersten Staffel der Comedy-Serie Ramy fällt der gleichnamige Protagonist auch in der Fortsetzung der Hulu-Produktion von einer religiösen Sinnkrise in die nächste. Er versucht, die Rolle des manchmal zu sorglosen und ichbezogenen Millennials mit der des strenggläubigen Muslims in einer westlichen Welt auszubalancieren.

Was neu ist? Eine muslimische Gemeinde, der Ramy beitritt. Scheich Ali, gespielt vom oscarprämierten Mahershala Ali, wird zum charismatischen Lehrer für Ramy und hilft ihm dabei, auf den rechten muslimischen Pfad zu kommen. Wie ein Erleuchteter wirkt Ali im weißen Gewand, wenn er mit stoischer Miene seinem Schüler rät: "Sei dir der Gefühle anderer bewusst, töte dein Ego."

Für die zweite Staffel heißt das: weniger Ramy-zentrierte Probleme, mehr US-amerikanische Realität, mit der sich der Muslim - und auch der Islam - konfrontiert sieht. Da wäre der aus dem Irak zurückgekehrte US-Soldat, der beim Hören des Muezzins eine Panikattacke bekommt. Oder islamophobe Demonstranten, die "Keine Scharia in New Jersey!" brüllen.

Ramy beschwichtigt und unterstützt sie alle als altruistischer Mediator, ohne dabei aber als Übermensch gezeichnet zu werden. Er ist immer noch der nahbare kumpelhafte Kerl aus der ersten Staffel, etwas warmherziger und empathischer, weniger egozentrisch durch die Lehren Alis. Jedem noch so beklemmenden Gespräch kann er Situationskomik abgewinnen, gerade wegen seiner unbedarften lockeren Art - nie wirkt der Humor deplatziert.

Hinter der Figur Ramy steckt der Comedian Ramy Youssef, der wie sein Alter Ego selbst ägyptischer Herkunft und Sohn einer Einwandererfamilie in den USA ist. Die zweite Staffel der semi-autobiografischen Serie wurde kürzlich für zwei Emmy Awards nominiert: Mahershala Ali und Youssef, als bester Neben- und Hauptdarsteller in einer Comedy-Serie. Youssef erzählt durch die eigenen Erfahrungen eine authentische Geschichte vom Leben muslimischer Menschen in den USA, ohne verstellten Blick.

Was die zweite Staffel so sehenswert macht, ist die große Unsicherheit und Angst der Figuren, ihren zugedachten Rollen in einer schnelllebigen Welt nicht gerecht zu werden. Wenn Ramys antisemitischer Onkel ihm vorwirft, eine jüdische Aura zu haben, ist das wie ein Schlag ins Gesicht. Gleich im nächsten Satz sagt der Onkel, ausnahmsweise selbstkritisch: "Es ist 2020, die wollen keinen Mann mehr wie mich." Ramy ist eben nicht der Einzige, der sich seiner Rolle in der Welt unsicher ist.

Ramy, Staffel zwei. Starzplay, zehn Folgen, ab 6. August.

© SZ/hy/ebri

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