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"Sieben Stunden" bei Arte:Ein verwundetes Wesen, elendig entmenschlicht

Fatale Fehleinschätzung: Die Therapeutin (Bibiana Beglau) hält den Straftäter (Till Firit) für ungefährlich.

(Foto: Barbara Bauriedl/BR)

Das Drama "Sieben Stunden" mit Bibiana Beglau erzählt von einer entsetzlichen Tat hinter Gefängnismauern - bleischwer und verstörend.

Draußen vor der Tür essen die Polizisten Wurstsemmeln, drinnen denkt Hanna Rautenberg, sie stirbt. Sieben Stunden lang wird die Gefängnistherapeutin in ihrem Büro von einem ihrer Patienten als Geisel gehalten, vergewaltigt und schwer misshandelt, sieben Stunden lang durchlebt sie Entsetzliches, von dem sie sich nie wieder ganz befreien wird. Und draußen denken die Leute vom Sondereinsatzkommando, eine wie sie hätte die Lage schon im Griff.

Für das Entsetzliche gibt es keine Bilder im Drama Sieben Stunden, nur für das Danach: Hanna Rautenberg, atemabschnürend gespielt von Bibiana Beglau, kauert im Halbdunkeln, nackt und geschunden, ein verwundetes Wesen, elendig entmenschlicht. Damit beginnt die verstörende Geschichte, die das Drehbuch von Christian Görlitz und Pim Richter erzählt.

Das Davor, erzählt in Rückblenden, war purer Erfolg. Therapeutin Hanna Rautenberg hat in einem Gefängnis eine sozialtherapeutische Station aufgebaut und zuhause bereitete sie ihre Hochzeit vor. All das zersplittert, als ihr Patient, der inhaftierte Sexualstraftäter Peter Petrowski (Til Firit) sie in ihrem Büro einsperrt.

Der Film beruht auf den Erlebnissen einer Gefängnispsychologin

Alarm, alle rücken an, Chef, Kollegen, SEK, Aufstellung vor der Bürotür, Telefonate mit dem Täter, auch Hanna Rautenberg spricht mit ihnen. Alles im Griff, sie zwingt die Worte aus ihrem verletzten Körper. Den Horror trägt sie fortan in sich, mal will sie Rache, mal nicht, mal Hilfe, mal nicht, sie will Opfer sein, Ehefrau, Mutter, oder einfach nur tot. Diese Komplexität macht Sieben Stunden rasend beklemmend, anders als in vielen anderen Opferfilmen ist Mitgefühl mit jener mal lethargischen, mal polternden, mal blitzgescheiten, mal irrationalen Figur längerfristig so unmöglich wie solidarische Rachegelüste.

Sieben Stunden basiert auf einer wahren Begebenheit. 2009 war die Psychologin Susanne Preusker, die im Straubinger Gefängnis eine Station für Sexualstraftäter aufgebaut hatte, von einem Patienten als Geisel genommen worden, die Erlebnisse veröffentlichte sie zwei Jahre später in einem Buch. Ihre Arbeit hatte sie aufgeben müssen, sie war Hundetrainerin und Buchautorin, und sie hatte das Filmprojekt Sieben Stunden begleitet, bis sie sich im Februar 2018 das Leben nahm.

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Elf Tage vor ihrem Tod habe sie mit ihrer Familie als eine der ersten den fertigen Film gesehen, erzählt Regisseur und Drehbuchautor Christian Görlitz, wenn man mit ihm über das Spannungsfeld von Kunst und Realität spricht, das Sieben Stunden aufmacht. Sie sei von der ersten Drehbuchfassung an begeistert gewesen, und habe immer Einblicke in die Produktion gehabt. Nun wird der Film im Fernsehen und in den Mediatheken zu sehen sein, ohne dass er ein einziges Wort über den Tod Susanne Preuskers verliert, nicht im Vorspann, nicht im Abspann, nirgends. Christian Görlitz sagt, man wolle den Film bewusst nicht mit der Vorlage vermengen.

"Wir wollten ja nie das Schicksal von Susanne Preusker nacherzählen", sagt er. "Ihr war bewusst, dass wir nicht ihr Leben verfilmen, sondern eine Geschichte, die von ihren Erinnerungen inspiriert ist." Er sieht ihren Tod nicht im Zusammenhang mit den Vorfällen vor zehn Jahren oder der Verfilmung, und pocht auf die absolute Eigenständigkeit künstlerischer Werke.

Abgesehen von dem, was Autoren immer tun - Raffen, Verdichten, Weglassen, Überhöhen, Zuspitzen - weiche gerade die zweite Hälfte des Films stark ab von den wahren Begebenheiten. "Mir war wichtig, dass Hanna Rautenbergs Familie im Film ein wenig zueinander findet, dass es die Hoffnung gibt, dass Menschen füreinander da sind." Außerdem, sagt er, werde seiner Heldin irgendwann klar, dass sie sich mit ihrem eigenen Zutun während der Geiselnahme beschäftigen müsse, um sich aus der Opferrolle zu befreien. Susanne Preusker habe ihn um eine Komparsenrolle gebeten, sagt Görlitz, aber das hätte die anderen am Set irritiert. "Ich wollte nicht, dass Bibiana Beglau versucht, Susanne Preusker zu sein, im Gegenteil, sie sollte eine völlig andere Frauenfigur entwickeln."

Diese völlig andere Frau, ihr Lebensgefährte und ihr Sohn suchen im Film nach Antworten, während man den Vorfall im Gefängnis am liebsten beiseite wischen würde. Wie kam es zu jenen sieben Stunden? Wo haben die Kollegen versagt, die Polizei, die Therapeutin? Und wie lässt sich nun das Leid lindern? "Wenn man angegriffen wird, wehrt man sich doch. Jedes Tier wehrt sich doch", sagt der Lebensgefährte (Thomas Loibl) irgendwann zu dem verwundeten Wesen, es klingt nicht wie eine Frage.

Vom Leid erzählt der Film mit klassischen Thrillerelementen: Als ihr so liebevoll wie hilflos um Normalität bemühter Lebensgefährte in der Küche Kräuter schneidet, wird das Geräusch der Klinge auf dem Schneidebrett plötzlich überlaut, die Sicherheiten verschwimmen, ist das Petrowski da mit dem Messer?

Obwohl der Film vom Bayerischen Rundfunk und Arte für die Prime Time um 20.15 gemacht wurde, ist Sieben Stunden so intensiv, dass er lange nachhallt, und zugleich so bleischwer, dass er sich kaum zur Abendunterhaltung empfehlen lässt. Regisseur Christian Görlitz sagt selbst: "Es fällt sicher einigen schwer, zuzuschauen, der Stoff ist nicht ganz leicht zu ertragen."

Anm. d. Red.: Wegen der wissenschaftlich belegten Nachahmerquote nach Selbsttötungen haben wir uns entschieden, in der Regel nicht über Suizide oder Suizidversuche zu berichten, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Dann gestalten wir die Berichterstattung bewusst zurückhaltend und verzichten, wo es möglich ist, auf Details. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 08001110111 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

Sieben Stunden, 20.15 Uhr, Arte.

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