Serie "Unfck the World":Demokratie ist ja so geil

Lesezeit: 3 min

'Unfck the World' - ab 4. Februar exklusiv bei Joyn PLUS+

Das Ziel ist, die Ränge zu füllen: Waldemar Zeiler und Philip Siefer.

(Foto: Joyn/INDI Film)

Eine Doku-Serie über zwei Berliner Gründer, die im Olympiastadion 90 000 Aktivisten zusammenbringen wollten.

Von Verena Mayer

Durch Corona vergisst man manchmal, dass es eine Zeit gab, in der eine andere große Krise die Welt beherrschte: der Klimawandel. Und dass dieser viele Leute dazu brachte, auf die Straße zu gehen und sich zu organisieren. So wie Philip Siefer und Waldemar Zeiler aus Berlin. Die beiden sind eigentlich Gründer, die mit einem Start-up für nachhaltig produzierte Kondome und Periodenprodukte reich wurden. 2019 hatten sie dann die Idee, das Berliner Olympiastadion zu mieten und dort 90 000 Menschen zu versammeln, die mit Aktivisten, Kunstschaffenden und Wissenschaftlerinnen über Themen wie Nachhaltigkeit oder soziale Gerechtigkeit diskutieren und live über Petitionen abstimmen sollten. Nicht weniger als ein "Superbowl der Demokratie" schwebte den beiden jungen Männern vor, die Kosten von 1,8 Millionen Euro sollten über Crowdfunding hereinkommen.

Vollbärtige Männer mit Macs reden in Lofts über sich selber

Das Projekt und seine Protagonisten hat der niederländische Filmemacher Finbarr Wilbrink mit der Kamera begleitet und daraus eine Serie mit dem Titel Unfck the World gemacht. Wer leicht allergisch auf ein bestimmtes Berliner Milieu reagiert, wird einiges durchmachen beim Angucken der sechs Teile. Die spielen nämlich in hippen Bars oder Fabriklofts mit teuren Mac-Computern, in denen vollbärtige junge Männer in Parkas über sich selbst reden, und dazwischen tritt die Autorin Charlotte Roche auf und sagt Sätze wie: "Demokratie ist ja so geil!" Ständig will jemand etwas "skalieren" oder "launchen", alle paar Minuten fällt das Wort "unfuck", das so etwas wie die Universalfloskel dieser Szene ist, wenn es darum geht, etwas zu verändern.

Viel Häme rief auch die Tatsache hervor, dass der Eintritt ins Olympiastadion 30 Euro kosten sollte, demokratische Teilhabe also an Ticketpreise geknüpft war. So twitterte Jan Böhmermann: "Hey, Entrepreneurs, wenn es euch wirklich um Umwelt, Gesellschaft, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit geht, warum macht ihr dann nicht eure superwoken Social Start-ups dicht und engagiert euch ohne Gewinnmaximierungsantrieb?" Dass das für Juni 2020 geplante Demokratierettungsprojekt am Ende an Corona scheiterte, dem "fucking Endgegner", wie es in der Serie heißt, ist dann fast schon Ironie des Schicksals.

Kann man eine Botschaft von dem Unternehmen trennen, das dahintersteht?

Dennoch lohnt sich die Serie. Selten bekommt man einen so guten Einblick in die Mechanismen von modernem Aktivismus. Haben sich Umweltaktivisten früher an Bahngleise gekettet oder in Booten auf dem Meer Tankern entgegengestellt, kommt es heute vor allem auf die Mobilisierung in den sozialen Medien an. Darauf, welche Influencer man für ein Projekt begeistern und wie man die eigene Fanbase erreichen kann. Eine Sache ist in dieser Logik nur so glaubwürdig wie die Personen, die dahinter stehen, weshalb man in der Serie ständig Leute sieht, die etwas posten, aufnehmen oder sich selbst mit dem Handy filmen. Es ist Arbeit, die an die Substanz geht und die Grenzen zwischen Engagement und Privatsphäre einreißt. Philip Siefer hat sein Baby auf dem Schoß, Waldemar Zeiler arbeitet beim Bartschneiden an Projekten, selbst beim Feierabendbier ist die Kamera dabei. Den Preis für diesen Nonstop-Aktivismus zeigt die Dokumentation ebenfalls: Nach einem Shitstorm in den sozialen Medien werden die beiden auch auf der Straße beschimpft.

Am interessantesten ist die Serie aber dort, wo sie den Bereich der Wirtschaft berührt. Unfck the World ist auch eine Erzählung über die Start-up-Szene, in der das Beschwören des Scheiterns zu jeder guten Unternehmensgeschichte gehört. Siefer und Zeiler lassen sich nicht nur auf fast schon masochistische Weise bei ihren Rückschlägen filmen, sie werfen auch einige grundlegende Fragen auf: Wie aktivistisch darf Wirtschaft sein? Kann man eine Botschaft von dem Unternehmen trennen, das dahintersteht? Und wie glaubwürdig ist sie dann noch? Die Antwort haben die beiden selbst gegeben. 2019 haben sie ihr Start-up in Verantwortungseigentum übergeben, es kann jetzt nicht mehr verkauft, Gewinne müssen reinvestiert werden. Siefer und Zeiler haben sich gewissermaßen selbst enteignet - und sich dadurch vor allem ins Recht gesetzt, auch weiterhin Dinge "unfucken" zu wollen.

Unfck the World, bei Joyn + .

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