Serie: Wozu noch Journalismus? Pech gehabt, versendet sich

Wer sich vom medialen Gebläse überföhnen lässt, kann Entscheidendes verpassen. Denn Vielfalt bedeutet nicht immer Qualität.

Von Anja Reschke

Wozu noch Journalismus? Die Ethik der Medienmacher ist in Gefahr: Journalisten werden zu Handlangern der Politiker, bloggen im Netz und werden durch Laien ersetzt. Wie ist der Journalismus zu retten - und wieso sollten wir das überhaupt tun? In dieser Serie - herausgegeben von Stephan Weichert und Leif Kramp - setzen sich angesehene Publizisten auf sueddeutsche.de mit dieser Frage auseinander. In dieser Folge schreibt Anja Reschke darüber, was Demokratie stark macht.

Gruselige Verfehlungen einiger Branchenmitglieder - Anja Reschke.

(Foto: Foto: oh)

Wozu noch Journalismus? Eine merkwürdige Frage. Weil man bei uns nicht erschossen wird, wenn man Machthaber kritisiert, sondern im blödesten Fall eine Gegendarstellung kassiert. Ein Blick auf die Verhältnisse in Russland, China, dem Iran oder all den Ländern, die in der Pressefreiheitsstatistik weit hinter uns liegen, würde wohl reichen, um diese Frage ganz einfach zu beantworten: Für den Erhalt unserer Demokratie! Klingt zu banal?

Als Panorama anfing zu senden - 1961 - war kritischer Fernsehjournalismus in Deutschland unbekannt. Das Fernsehprogramm bestand in erster Linie aus seichtem Tanzgeplänkel und schmonzettigen Heimatfilmen. Und mittenrein platzte Panorama: Jetzt wollen wir uns mal ein bisschen mit der Regierung anlegen - eine der berühmtesten Moderationen von Gert von Paczensky.

Kritischer Begleitjournalismus

Die Regierung, das war damals Konrad Adenauer, fand eigentlich nicht, dass es dem Fernsehen und seinem neugegründeten Magazin in irgendeiner Weise zustände, sie zu kritisieren. Was die Journalisten aber mitnichten einschüchterte, sondern im Gegenteil noch anspornte. Obwohl Politiker wirklich alles versucht haben, um die unliebsamen Journalisten loszuwerden. Über die Besetzung von Rundfunkräten nach der Farbenlehre konnte man wunderbar über die Personalpolitik in die Sender hineinregieren. Mancherorts kann man das bis heute.

Vermutlich würden einige Politiker im heutigen Berlin den kritischen Journalismus im Fernsehen immer noch gerne abschaffen, vor allem dann, wenn er die eigene Person oder Partei betrifft. Wenn es allerdings um die gegnerische Fraktion geht, freut man sich doch. Das jedenfalls hat mir kürzlich Günther Beckstein bei den Dreharbeiten zum 50-jährigen Panorama Jubiläum gestanden. Was wäre also passiert, hätten sich Adenauer und seine Mannen damals durchgesetzt? Sie hätten nicht nur Panorama abgeschafft, sondern den Spiegel gleich mit. 1962 wurde Augstein verhaftet, die Redaktion durchsucht und für einige Zeit lahmgelegt - die berühmte Spiegel-Affäre.

Ohne kritischen Begleitjournalismus würden wir also immer noch denken, der Spiegel habe Landesverrat begangen und Franz Josef Strauß sei ein doller Kerl, weil er das ja aufgedeckt hat. Der baden-württembergische Ministerpräsident Hans Karl Filbinger hätte nie zurücktreten müssen, denn die Öffentlichkeit wüsste nichts von Todesurteilen, die er in der Nazizeit kurz vor Ende des Krieges noch unterschrieben hat.

Flick wäre als unbescholtener Milliardär gestorben. Helmut Kohl könnte sich bis heute in Ruhe in seiner deutschen Einheit sonnen, ohne den hässlichen Schatten der CDU-Spendenaffäre. Niemand würde - um mal ins Heute zu springen - Guido Westerwelle wegen seiner Flugbegleitung auf die Nerven gehen. Ja, für viele wäre es ruhig geblieben - ohne Journalismus.

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