Serie "Die Musketiere" im Ersten:Sie haben die Haare schön

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Die Musketiere (1)

Aramis (Santiago Cabrera), Athos (Tom Burke) und Porthos (Howard Charles) sind die Musketiere.

(Foto: ARD Degeto/BBC 2013)

In der ARD galoppieren an und um Weihnachten herum die Musketiere wild und gut frisiert durchs Bild. Vor allzu komplexer Dramaturgie muss sich bei Ansicht der fünf Doppelfolgen aber kein Zuschauer fürchten.

Von Bernd Graff

Wenn man die Abenteuerwelten der Ritter, Cowboys und Musketiere miteinander vergleicht, fällt auf, dass es bei allen um Pferde, männlichen Kampf und Bewegung geht. Doch muss man die Ritter als schwerfälliger sehen. Zwar gibt es Kreuzzüge, aber man kommt wegen des schweren Geräts an Mann und Ross kaum voran und endlich angekommen, durchstöbert man Gruften nach Reliquien. Darum haftet Rittern immer etwas Arthritisches an.

Wie anders der Wilde Westen. Ein zügig durchgeführtes Indianermassaker oder ein trompetender Kavallerie-Angriff - das erlebt der Cowboy vor dem Frühstück. Gut, die Freiheit ist erkauft mit Hygieneabstinenz, ewigen Bohnen, Geziefer und qualmendem Lagerfeuer. Und ganz ehrlich: Die Melancholie der Mundharmonika erwärmt auch nur das Herz von Kojoten.

Um wie viel besser ist es doch da um das Biotop der männerbündischen Musketiere, Rat pack des 17. Jahrhunderts, bestellt. Es gibt Degen, gewissermaßen die Sportwagen unter den Schwertern, und es gibt auch schon Pistolen. Salopp werden wehende Mäntel getragen, die indes nur benötigt werden, um sie auf Pfützen zu werfen, damit marmorzarte Dämchen in perlenbesetzten Pantöffelchen trockenen Fußes über sie hinwegschreiten können. Die durchweg sportiven Herren tragen Vornamen, die nach duftender Rasierseife klingen: Athos, Aramis, Porthos, D'Artagnan. Ansonsten weiß man sich so großartig zu kleiden, dass davon heute noch die Bühnengarnituren anständiger Heavy-Metal-Bands inspiriert sind. Man hat exquisit gepuderte Manieren und lebt in geordneten, gottesfürchtigen Verhältnissen. Anscheinend.

"Frisch, modern und sexy" nennt der Sender die Serie

Denn hinter allen Fassaden und unter jedem bebenden Dekoleetee lauern Intrigen und Betrug. Der König findet in hochrangigen Kirchenvertretern seine rattenschlauen Widersacher. Unter jeder Perücke steckt eine abgefeimte Hofschranze. Man duelliert sich und säuft, man spricht miteinander in gewundener, bei aller physischen Nähe doch distanzierender Grammatik: Für die Damenansprache gilt die Zweite Person Plural: "Aber Madame, wollt Ihr wirklich . . . ?" Für Herren die dritte Singular: "Weiß er, was er da tut . . . ?"

Vergesst die Ritter, lasst die Cowboys gen Sonnenuntergang reiten! Musketiere leben in dem Kinderparadies, aus dem wahre Abenteurer nicht abgeholt werden wollen. Als solches hat die BBC den Roman von Alexandre Dumas "Die drei Musketiere" in einer 10-teiligen Serie umgesetzt, die die ARD in fünf Doppelfolgen ausstrahlt. Jede Folge steht für sich. Man muss sich also nur die durchgehenden Rollen der Hauptdarsteller merken. Sie werden hier nicht gespielt von Sonnenkönigen, sondern von sehr schicken Sonnenstudiokönigen, die den Geist von Mantel und Degen durch ein computerdesigntes Retorten-Paris des 17. Jahrhunderts wuchten. "Frisch, modern und sexy", nennt die ARD-Vorankündigung die Mädchenschwärme in diesen neuen Dumas-freien Episoden.

Natürlich wirken sie alle komplett verkleidet. Die Rüsche rüscht, das Leder ledert, die Reiter reiten, die Säbel säbeln, als ob es kein Morgen gäbe. An den wagemutigen Hutkreationen wippen die Fasanenfedern vor Entzücken. Doch die Damen, allen voran Milady de Winter, die gefährlichste von allen, müssen sich textil auch nicht verstecken: scharlachrot mit schwarzer Halskrause erscheint Milady.

Irgendwie unentschieden

Kardinal Richelieu, der Erste Minister im Staat des Ludwig XIII., sollte dieses Rot eigentlich tragen, er belässt es hier bei gestepptem, samtig changierenden Schwarz. Dafür ist er tadellos fuchsgesichtig, und er ist natürlich seinem jugendlichen König in Sachen politischer Intelligenz haushoch überlegen. Andererseits ist dieser dreizehnte Ludwig aber auch nicht der Volldepp, zu dem ihn Kostüm und Maske offenbar machen wollten. Er hat vor allem die Haare schön. Aber, Mon Dieu, man befindet sich schließlich schon seit geraumer Zeit im Dreißigjährigen Krieg. Von dem man in diesem BBC-Paris indes nichts mitkriegt, weil man so sehr mit sich selber, seinen Outfits, dem gepflegten Parlieren und den verführerischsten Gespielinnen beschäftigt ist - wenn man nicht gerade galoppiert, galoppiert, galoppiert. Etwa zu den von Richelieu beauftragten Meuchlern.

Eine Eingangsszene geht so: Strömender Regen, ein Vater mit seinem Sohn erreicht einen Gasthof. Während der Alte schon ans wärmende Feuer darf, muss der Sohn noch die Rosse striegeln. Es kommen: die Meuchler in märchenhaften Räuberroben. Sie bringen dann recht schnell und grundlos den Vater um. Und hätten fast auch den Sohn im Stall getötet. Wenn der nicht über Kampftechniken verfügte, die man sonst nur aus den Martial Arts aus dem fernen Osten oder aus dem Genrekino der frühen Siebziger kennt.

Da die maskierten Meuchler sich aber - Achtung! - als Musketiere ausgegeben haben, kennt der Sohn nur eins: Wieder rauf aufs Ross, Richtung Hauptquartier der Musketiere. Er will sie alle töten. Und hat nicht einmal eine wärmende Suppe im Bauch. Dort angekommen, greift er einen der sehr schönen Menschen an, der auch gleich bei der Sache ist und gar nicht erst fragt: bei welcher? Es geht irgendwie unentschieden aus. Aber klar ist nun allen: Die Bluttat begingen die gedungenen Meuchler des Kardinals. Und wir drei Musketiere sind nun einer mehr. So sendet es sich munter weiter. Vor komplexer Dramaturgie muss sich also niemand fürchten. Das guckt sich alles so gut gelaunt weg, wie es gemacht ist. Klare Empfehlung also. In Großbritannien drehen sie bereits an der zweiten Staffel.

Die Musketiere, ARD, in Doppelfolgen am 21. 12., 22. 12., 23. 12., 25. 12., 26. 12., jeweils ab 21.45 Uhr.

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