Russland Kündigung aus Protest

Das gesamte Politikressort verlässt die Zeitung "Kommersant", nachdem zwei Kollegen rausgeworfen wurden. Mehr als 220 Mitarbeiter erklären sich solidarisch. Soll das wirtschaftsliberale Blatt auf Kreml-Linie gebracht werden?

Von Ekaterina Kel

Ein schweres Beben erschüttert dieser Tage die traditionsreiche russische Tageszeitung Kommersant. Nach der Entlassung zweier Mitarbeiter hat am Montag das gesamte Politikressort als Zeichen des Protests gekündigt. Das sind elf Redakteure und Korrespondenten, die die unabhängige journalistische Arbeit in ihrer Zeitung akut gefährdet sehen. Auf Facebook erklärten sich bis Mittwoch mehr als 220 Mitarbeiter solidarisch mit ihren Kollegen, die nach eigenen Angaben am Dienstag nicht mehr in die Redaktion gelassen wurden. Über das politische Geschehen könne bis auf Weiteres nicht mehr berichtet werden, schreiben sie in ihrem Statement. "Unser Land verdient eine bessere Zukunft und die Freiheit des Wortes."

Was war geschehen? Der Korrespondent Ivan Safronow und der stellvertretende Ressortleiter Maxim Iwanow mussten am Montag ihre Posten räumen, nachdem sie zusammen mit drei weiteren Kollegen Mitte April einen Artikel über die Vorsitzende des Föderationsrates, eines der wichtigsten Gremien des Landes, Walentina Matwijenko, geschrieben hatten. Unter Berufung auf anonyme Quellen berichteten die Journalisten darin über die mögliche Absetzung Matwijenkos. Der Artikel äußerte die Vermutung, die Politikerin könne demnächst neue Leiterin des Pensionsfonds werden. Daraufhin hatte die Verlagsleitung den beiden Autoren gekündigt. Der Chefredakteur Wladimir Zhelonkin begründete diesen Schritt damit, dass die Autoren die journalistischen Standards des Kommersant verletzt hätten. Diese wiederum bestreiten dies und sagen, sie seien vom Eigentümer der Zeitung, Alisher Usmanow, unter Druck gesetzt worden, ihre Quellen zu verraten. Der Oligarch Usmanov ist Generaldirektor einer Gazprom-Tochter, zählt zu den reichsten und einflussreichsten Menschen Russlands und gilt als kremlnah. Er bestreitet jegliche Einmischung. Ein Vertreter Usmanovs teilte dem Medienunternehmen RBK am Montagabend mit, dass dieser von den Kündigungen erst aus der Presse erfahren habe.

Soll das wirtschaftsliberale Blatt auf Kreml-Linie gebracht werden?

Doch für Gleb Tscherkassow, bis zu seiner Kündigung am Montag stellvertretender Chefredakteur des Kommersant, ist klar: Der Rauswurf seiner beiden Kollegen geschah auf Druck des Eigentümers. "Das ist Zensur", sagt er auf Anfrage der SZ. "Ich bin gegangen, weil ich nicht hinnehmen kann, dass meinen Mitarbeitern bei der Recherche und Informationsbeschaffung eine Bestrafung droht." Auf Facebook schrieb er am Montag: "Ein Aktionär hat das Recht, Personalentscheidungen zu treffen. Mitarbeiter haben das Recht, damit nicht einverstanden zu sein. Ihre einzige Möglichkeit, das zu zeigen: Jobwechsel."

Seit 2006 befindet sich der Kommersant in Usmanows Besitz. Mit einer Auflage von etwa 115 000 Exemplaren und einer wirtschaftsliberalen Ausrichtung genießt die Tageszeitung, gegründet im Jahr 1989, das Image eines vertrauenswürdigen Mediums, das durchaus kritisch berichtet - in einem Land, das in diesem Jahr auf Platz 149 von 180 auf der Rangliste der Pressefreiheit von "Reporter ohne Grenzen" steht.

Als der damalige Chefredakteur Sergej Jakowlew 2018 aus "persönlichen Gründen" kündigte, wurden Spekulationen zu einem personellen Umbau der Zeitung hin zu einer regierungsfreundlicheren Ausrichtung laut. Im März wurde der Autorin Maria Karpenko gekündigt, weil sie im Kurznachrichtendienst Telegram kritisch über den Sankt-Petersburger Gouverneur Alexander Beglov geschrieben hatte. Der Vorwurf lautete damals: "Aktivismus". Nun also die nächste Erschütterung. Der Kommersant habe schon vieles überstanden, sagt Ex-Vize Tscherkassow. "Ich hoffe, dass er auch das durchhält."