bedeckt München 20°

Regierungssprecher: Seiberts Vorgänger:"Ein demokratischer Goebbels"

Als Adenauer eine Überschrift missfiel, wollte er umgehend den Verfasser des Artikels sprechen. Für die Überschrift sei der Umbruchredakteur zuständig, erklärte ihm von Eckardt. Adenauer verlangte, sofort die Umbruchredakteure aller großen Zeitungen vorzuladen. Am liebsten wäre ihm "ein demokratischer Goebbels", hat Adenauer mal gewitzelt, der eigentlich aus dem Amt ein Ministerium machen wollte.

Einer seiner Kanzleramtschefs, der große Fummler Otto Lenz, hatte die Idee, dem Bundespresseamt die Zuständigkeit für die Geheimdienste zu übertragen. Da hätte von Eckardt jedenfalls nicht mitgemacht. Der zierliche Springinsfeld, der Drehbücher zu siebzehn Filmen geschrieben oder mitgeschrieben hatte, war politisch klug, witzig, geistreich, modisch, ein Dandy mit einem Menjoubärtchen: Er galt als der Träger der Bonner Herrenmode, besaß circa 36 grellbunte Westen aus reiner Seide, die er auch bei internationalen Konferenzen trug. In Moskau hat er mal, um die eisige Atmosphäre aufzulockern, eine "Westenparty" mit den Delegationsmitgliedern veranstaltet.

In seinem Büro hatte er einen Hauszoo mit einem Dompfaff und einem Tukan namens Ramses, der nur still sein musste, wenn der Kanzler anrief. Aber von Eckardt, dem der Spiegel 1957 eine Titelgeschichte widmete ("Gärtner im Bonner Treibhaus"), traute sich, dem Alten zu widersprechen. "Es kommt nur auf das Wie an", sagte er. Vor seiner Zeit mit Adenauer hatte er weit mehr Geld verdient, aber es machte ihm Spaß, in Bonn mittenmang zu sein.

Er war zeitweise der außenpolitische Minenhund des Kanzlers und versorgte die Journaille mit Nachrichtenfutter, was damals für einen Sprecher ungewöhnlich war. An seiner Seite hatte der Parteilose den grauen Ministerialbeamten Werner Krüger, den sie "Zischel" nannten. Er wusste viel und gab das Wissen flüsternd weiter.

"Zischel" führte eine Geheimliste, in der Journalisten nach Parteinähe und -ferne eingeteilt wurden. Der Bonner Hofchronist Walter Henkels, FAZ, galt da als "politisch farblos".

15 Sprecher für zwei Kanzler

Adenauer ging in Medienangelegenheiten gern an die Grenze und manchmal überschritt er sie auch. Alles in allem hatte er eine vordemokratische Einstellung zur Presse. Das zeigte sich zum einen in seinem Versuch, ein regierungsfrommes Staatsfernsehen zu etablieren, zum anderen während der Spiegel-Affäre 1962, als die Redaktionsräume des Magazins durchsucht, besetzt und Redakteure verhaftet wurden. Ihm wichtige Schreiber lud er schon 1950 zum "Kanzlertee" ins Palais Schaumburg und schlug vor, wie sie Politik darzustellen hatten. In 14 Jahren verschliss er sieben Regierungssprecher, am Ende auch Eckardt.

Acht Sprecher dienten seinem mindestens ebenso machtbewussten und nicht weniger rachsüchtigen politischen Enkel Kohl, der 16 Jahre lang regierte. Sie züchteten sich Feinde. Beide sortierten Journalisten aus, die ihnen missfielen. In Kohls Kanzlermaschine durfte kein Spiegel- und, zeitweise, auch kein Zeit-Redakteur rein. "Ich brauche die alle nicht mehr", sagte Kohl, der die Welt gern in Gut und Böse und Schwarz und Weiß aufteilte. Weil er in seiner Amtszeit so viele Sprecher beschäftigte, schrumpfte die Zahl der Bewerber immer mehr.

Keiner seiner Sprecher gehörte zum innersten Zirkel - Friedhelm Ost vielleicht ausgenommen, aber das ist Ansichtssache. Der Grandseigneur Peter Boenisch jedenfalls, der aussah, wie man sich einen Regierungssprecher im Film vorstellt, und der beträchtlichen Charme hatte, erfuhr nur von Kohls Intimus Eduard Ackermann, was ungefähr los war. Boenisch gab den Mann von Welt, Ackermann fütterte die Meute.

Vielleicht war, trotz allem, Kohl der letzte Sieger über die Medien. Sein Nachfolger Gerhard Schröder, der "Medienkanzler", jedenfalls war es nicht. Dabei sortierte Schröder die Journalisten weit weniger als Kohl nach Zuverlässigkeit und Gefolgschaft.

Regierungssprecher

Zwei wurden Intendant