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Regierungssprecher: Seiberts Vorgänger:Sorgen Sie dafür, dass das aufhört!

Am 11. August tritt der populäre TV-Moderator Steffen Seibert als neuer Regierungssprecher an. Ein Rückblick auf seine Vorgänger und ein medienpolitisches Amt, das viele Typen kannte.

Der eine hatte eine Flugphobie und reiste deshalb nur ungern ins Ausland. Nach etwa einem halben Jahr im Dienst musste er aufhören. Ein anderer plauderte Interna aus und wurde sofort entlassen. Über dessen Nachfolger sagte Konrad Adenauer, der erste Kanzler der Republik: "Ich glaube, der hat Angst vor mir." Der Ängstliche hielt es neun Monate im Amt aus, wurde aber als Belohnung für die Leidenszeit Regierungspräsident.

BUNDESPRESSEKONFERENZ

Die Bundespressekonferenz: Steffen Seibert wird der 24. Sprecher der Bundesregierung. Ein Rückblick auf seine Vorgänger.

(Foto: AP)

Seit Gründung der Republik im Jahr 1949 haben 23 Regierungssprecher versucht, die Politik der jeweiligen Bundesregierung zu erklären. Es gab die Stillen, die Laut-Sprecher, die Vordenker, die Chefbeschwichtiger und die, die nichts wussten, nichts zu sagen hatten, weil sie selbst in den exklusiven Kreis der Wissenden bei Hofe nicht durften. Sie taten nur so, als ob sie was wüssten.

"Trouble is my business", stand auf einem Schild in der Amtsstube von Conny Ahlers, der das Sprachrohr des Kanzlers Willy Brandt war. Aber das Geschäft war selbst für einen Troubleshooter wie den früheren Fallschirmjäger Ahlers nicht immer einfach. Mittwoch kommender Woche wird der ehemalige ZDF-Moderator Steffen Seibert, 50, als Sprecher der Regierung Merkel in Berlin anfangen.

Ein ziemlich populärer Fernsehmann soll für eine (derzeit zumindest) ziemlich unpopuläre Regierung sprechen. Sein Vorgänger Ulrich Wilhelm galt als Lichtgestalt in der Hauptstadt, und dennoch ist das Erscheinungsbild von Schwarz-Gelb düster geblieben.

Kann Seibert überhaupt gewinnen? An Erfahrung ganz bestimmt. Sieben Regierungschefs gab es in der Geschichte der Bundesrepublik, und seit Herbst 2005 sitzt eine Frau im Kanzlerzimmer, die als Einzige mit dem Metier vertraut ist: Angela Merkel war 1990 stellvertretende Sprecherin der letzten DDR-Regierung und hatte in demselben Jahr für zwei Monate eine Planstelle im Bundespresseamt mit der ordentlichen Besoldungsstufe A16.

Artist an der Rampe

Ob ein Sprecher Erfolg hat, liegt weniger an ihm als am Kanzler oder der Kanzlerin und hängt viel mehr vom Aggregatzustand des Regierungsapparates ab sowie den Untiefen des Medienbetriebes. Wenn sich, wie gerade in Berlin, die Koalitions-Parteien täglich neu beharken und die CSU die FDP verfolgt oder umgekehrt, dringt keine Stimme mehr durch. Ohnehin sind die Zeiten vorbei, in denen Regierungssprecher sowohl auf Gang, Richtung und Inhalt der Berichterstattung bestimmenden Einfluss hatten.

In der langen Geschichte der Regierungssprecher gab es vermutlich nur zwei Persönlichkeiten, die als Berater ihres Kanzlers, als Verkäufer der Politik in Hintergrundgesprächen und als Artist ganz vorne an der Rampe der öffentlichen Bühne wirklich erfolgreich waren: Das waren der 1979 verstorbene Felix von Eckardt und der heute 81 Jahre alte Klaus Bölling. Der eine diente Adenauer, der andere Helmut Schmidt. Beide schieden in Bonn nach einigen Jahren aus, um ein anderes Amt zu übernehmen, beide wurden wieder zurückgerufen. Niemand war außerdem länger Regierungssprecher als sie.

Alles ist mehr geworden. 1949 bestand das Bundespresseamt aus einem Leiter, der in einem Zimmer mit Schreibtisch und drei Stühlen hockte. Ludwig Erhard überließ die Öffentlichkeitsarbeit noch der "Brigade Erhard", zu der auch der Großpublizist Johannes Groß gehörte. Der andere Übergangskanzler, Kurt-Georg Kiesinger, stützte sich mehr auf den Kressbronner Kreis. Heute hat die oberste Bundesbehörde, die "Presse- und Informationsamt der Bundesregierung" heißt, etwa 370 Mitarbeiter in Berlin und rund neunzig Mitarbeiter am alten Dienstsitz in Bonn. Schätzungsweise zwanzig von ihnen bilden die Kerntruppe eines Regierungssprechers.

Von allen Kanzlern war Adenauer, was Presseangelegenheiten anging, der Schwierigste - er war noch eigenwilliger als Helmut Kohl. Der knorrige Patriarch, der erst mit 73 Jahren Regierungschef wurde, verschliss in drei Jahren vier Sprecher, bis 1952 von Eckardt bei ihm anfing. Damals hießen die Sprecher offiziell noch Bundespressechefs, und so kam es, dass der Alte, wenn ihm etwas nicht gefiel, Eckardt am Kabinettstisch zurief: "Können Sie nicht dafür sorgen, dass die Presse endlich damit aufhört, über diese Sache zu schreiben. Sie sind doch der Chef." Eckardt hat ihm dann erklärt, dass er nicht der Chef der Journalisten ist. "Sollten wir da beim Grundgesetz etwas vergessen haben?", fragte der Mann mit dem Indianergesicht.

Regierungssprecher

Zwei wurden Intendant

"Ein demokratischer Goebbels"

Als Adenauer eine Überschrift missfiel, wollte er umgehend den Verfasser des Artikels sprechen. Für die Überschrift sei der Umbruchredakteur zuständig, erklärte ihm von Eckardt. Adenauer verlangte, sofort die Umbruchredakteure aller großen Zeitungen vorzuladen. Am liebsten wäre ihm "ein demokratischer Goebbels", hat Adenauer mal gewitzelt, der eigentlich aus dem Amt ein Ministerium machen wollte.

Einer seiner Kanzleramtschefs, der große Fummler Otto Lenz, hatte die Idee, dem Bundespresseamt die Zuständigkeit für die Geheimdienste zu übertragen. Da hätte von Eckardt jedenfalls nicht mitgemacht. Der zierliche Springinsfeld, der Drehbücher zu siebzehn Filmen geschrieben oder mitgeschrieben hatte, war politisch klug, witzig, geistreich, modisch, ein Dandy mit einem Menjoubärtchen: Er galt als der Träger der Bonner Herrenmode, besaß circa 36 grellbunte Westen aus reiner Seide, die er auch bei internationalen Konferenzen trug. In Moskau hat er mal, um die eisige Atmosphäre aufzulockern, eine "Westenparty" mit den Delegationsmitgliedern veranstaltet.

In seinem Büro hatte er einen Hauszoo mit einem Dompfaff und einem Tukan namens Ramses, der nur still sein musste, wenn der Kanzler anrief. Aber von Eckardt, dem der Spiegel 1957 eine Titelgeschichte widmete ("Gärtner im Bonner Treibhaus"), traute sich, dem Alten zu widersprechen. "Es kommt nur auf das Wie an", sagte er. Vor seiner Zeit mit Adenauer hatte er weit mehr Geld verdient, aber es machte ihm Spaß, in Bonn mittenmang zu sein.

Er war zeitweise der außenpolitische Minenhund des Kanzlers und versorgte die Journaille mit Nachrichtenfutter, was damals für einen Sprecher ungewöhnlich war. An seiner Seite hatte der Parteilose den grauen Ministerialbeamten Werner Krüger, den sie "Zischel" nannten. Er wusste viel und gab das Wissen flüsternd weiter.

"Zischel" führte eine Geheimliste, in der Journalisten nach Parteinähe und -ferne eingeteilt wurden. Der Bonner Hofchronist Walter Henkels, FAZ, galt da als "politisch farblos".

15 Sprecher für zwei Kanzler

Adenauer ging in Medienangelegenheiten gern an die Grenze und manchmal überschritt er sie auch. Alles in allem hatte er eine vordemokratische Einstellung zur Presse. Das zeigte sich zum einen in seinem Versuch, ein regierungsfrommes Staatsfernsehen zu etablieren, zum anderen während der Spiegel-Affäre 1962, als die Redaktionsräume des Magazins durchsucht, besetzt und Redakteure verhaftet wurden. Ihm wichtige Schreiber lud er schon 1950 zum "Kanzlertee" ins Palais Schaumburg und schlug vor, wie sie Politik darzustellen hatten. In 14 Jahren verschliss er sieben Regierungssprecher, am Ende auch Eckardt.

Acht Sprecher dienten seinem mindestens ebenso machtbewussten und nicht weniger rachsüchtigen politischen Enkel Kohl, der 16 Jahre lang regierte. Sie züchteten sich Feinde. Beide sortierten Journalisten aus, die ihnen missfielen. In Kohls Kanzlermaschine durfte kein Spiegel- und, zeitweise, auch kein Zeit-Redakteur rein. "Ich brauche die alle nicht mehr", sagte Kohl, der die Welt gern in Gut und Böse und Schwarz und Weiß aufteilte. Weil er in seiner Amtszeit so viele Sprecher beschäftigte, schrumpfte die Zahl der Bewerber immer mehr.

Keiner seiner Sprecher gehörte zum innersten Zirkel - Friedhelm Ost vielleicht ausgenommen, aber das ist Ansichtssache. Der Grandseigneur Peter Boenisch jedenfalls, der aussah, wie man sich einen Regierungssprecher im Film vorstellt, und der beträchtlichen Charme hatte, erfuhr nur von Kohls Intimus Eduard Ackermann, was ungefähr los war. Boenisch gab den Mann von Welt, Ackermann fütterte die Meute.

Vielleicht war, trotz allem, Kohl der letzte Sieger über die Medien. Sein Nachfolger Gerhard Schröder, der "Medienkanzler", jedenfalls war es nicht. Dabei sortierte Schröder die Journalisten weit weniger als Kohl nach Zuverlässigkeit und Gefolgschaft.

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Von Bonn nach Berlin

Zum Berufsbild des Sprechers gehört es, Vertrauen zu bilden. Auf allen Seiten. Das entwickelt sich langsam, ein Sprecher muss es sich erarbeiten. "Das Maß aller Dinge für einen Regierungssprecher" sei für ihn in diesem Punkt Bölling, hat Ulrich Wilhelm vor zwei Jahren in einem Gespräch mit der Zeit gesagt, und so sieht er es auch heute noch. "Meine Robustheit und Ihre Sensibilität sind eine symbiotische Beziehung", schrieb Schmidt seinem Sprecher 1982 zum Abschied. Bölling betrachtete Schmidt als älteren Bruder, der ihm weit überlegen war. Der freundliche Hanseat Schmidt hielt dieses "Bild für falsch". Pflichtbewusstsein und ideologiefreier Patriotismus zeichnete beide Herren aus.

War es in Bonn leichter für einen Regierungssprecher oder ist es in Berlin einfacher? Über den Journalismus in der Bundeshauptstadt und in der Hauptstadt sind in den vergangenen Monaten diverse Bücher und Studien erschienen, und zumeist wird die alte Zeit idealisiert. Der Bonner Journalismus war vermutlich weit parteilicher orientiert, als es der Berliner Journalismus ist.

Es gab viel klebrige Nähe zur Macht, an komplizenhaften Verstrickungen zwischen Journalisten, Ministerialen und Politikern war schon aufgrund der engen räumlichen Verhältnisse in der kleinen Stadt am Rhein kein Mangel, aber die Abläufe waren ruhiger. Man hatte noch Zeit. Auch für mehr Gründlichkeit und Reflexion. "Wenn irgendetwas in der Provinz passierte, konnte es Tage dauern, bis es Bonn erreichte", sagt Wilhelm, der noch als junger Journalist Bleisatz gerochen hat. Heute sei alles sofort präsent, auch Geschichten aus dem Ausland.

Wenn alles sofort wichtig ist, ist nichts mehr wichtig. Selbst bedeutsame Themen überleben kaum die Wochenfrist - um zu verschwinden und neu etikettiert wieder aufzutauchen. Sowohl "das Wesentliche als auch das Unwesentliche" könnten "eine zerstörerische Wirkung haben", sagt Wilhelm. Jedes Ereignis müsse zunächst ernst genommen werden.

Bölling meint, es sei falsch, dass die Kanzlerin zu Themen, "die von zweit- und drittrangiger Bedeutung sind", selber vor die Kamera trete. Das führe zu einem "Abnützungsprozess". Der Sozialdemokrat, der zu Wilhelms Abschied kam, findet, ein Regierungssprecher habe es heute "ungleich schwerer als früher". Das liege auch am Medienpersonal, betont Bölling.

Die ahnungslosen Mikrofon-ins-Gesicht-Stoßer

Insbesondere jüngeren Fernsehleuten privater Sender fehle es nicht selten an politischer und geschichtlicher Bildung, um Abläufe einschätzen zu können. Die Medienlandschaft ist wirklich sehr bunt geworden, voller Trallala und Wichtigkeit und mit einer nie versiegenden Flut von Informationen. Früher wurden Journalisten oft getadelt, weil sie angeblich Dinge aus dem Zusammenhang gerissen hatten.

Heute sei das anders, hat Jürgen Leinemann, der große Reporter, mal geschrieben: "Zusammenhänge, aus denen sie etwas reißen können, sind ihnen nicht bekannt". Oft geben die frechen Mikrofon-ins-Gesicht-Stoßer, denen Tempo alles ist, den Ton an. Je schriller das Urteil, umso größer die Aufmerksamkeit.

Manche versinken im Bedeutungsrausch. Bei der Bundestagswahl 2005 verließen sich viele Medien auf falsche Prognosen und schätzten die Lage und die Stimmungen völlig verkehrt ein, um danach ohne Innehalten einfach weiterzumachen. Es gibt ein Rattenrennen um Nachrichten: Der Chefredakteur eines Wirtschaftsblattes hat neulich einen Bonus von 3000 Euro für denjenigen in der Redaktion ausgelobt, der im Jahr die meisten Geschichten in den Nachrichtenagenturen unterbringe. Top-Listen für Exklusives werden veröffentlicht.

Aber niemand kontrolliert, wie viele dieser Geschichten wirklich neu, wie viele recycelt, gesellschaftlich völlig unbedeutend oder schlicht falsch sind.

Der 24. Regierungssprecher, der Nachrichtenmann Seibert, wird am Mittwoch nicht nur die Schreibtischseite wechseln. Er wird eine ganz andere Welt kennen lernen. So ganz falsch ist es nicht, dass Finanzämter Journalisten gemeinsam mit den Schaustellern und Artisten veranlagen.

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