Propaganda:Vorsicht: Halluzinogen

Falsche Fakten in Litauen

Die verstärkte Truppenpräsenz der Nato in Osteuropa, zumal im Baltikum, fordert Russland seit Monaten heraus. Das Ziel des Militärbündnisses: die Ostflanke der Nato zu stärken und zu schützen und die Handlungsfähigkeit der Nato im eventuellen Bündnisfall zu sichern. Das Ziel einiger russischer Kreise: Desinformation und Stimmungsmache. Der staatliche Kanal Rossija meldete etwa zur Ankunft deutscher Soldaten im Baltikum: "Deutschland marschiert in Litauen ein."

In dieser Woche nun streuten Unbekannte dort per E-Mail das Gerücht, Bundeswehrsoldaten hätten eine Minderjährige vergewaltigt. Einzelne örtliche Medien griffen die Falschmeldung auf. Die litauischen Polizeibehörden hätten aber unverzüglich ermittelt und festgestellt, dass es weder das Opfer noch einen Täter gebe, betonte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) am Freitag. Sie sagte dem Sender N24 mit Verweis auf den Fall Lisa im Jahr 2016: "Was gut ist, dass wir jetzt die Muster kennen und schnell reagieren können." Im vergangenen Jahr hatten russische Medien tagelang berichtet, Flüchtlinge hätten in Berlin eine junge Russin vergewaltigt, die deutschen Behörden würden aber nichts unternehmen. "Alles auch erstunken und erlogen", sagte von der Leyen. Vom Absender der E-Mail gibt es nach Angaben des Bundesverteidigungsministeriums noch keine Spur. SZ

RT Deutsch gibt es seit November 2014, das Programm besteht derzeit noch aus Videos und Texten im Internet. Man fragt sich nur, je länger man RT Deutsch konsumiert: Sind hier wirklich BND und Verfassungsschutz für Warnhinweise zuständig? Nicht der Berufsverband Deutscher Psychiater? Vorsicht: halluzinogen, Wirkung hält zwei bis drei Stunden an.

Neon druckte kürzlich eine kluge Undercover-Geschichte über RT Deutsch. Der Reporter Martin Schlak verbrachte drei Wochen in der Redaktion in Berlin-Adlershof, getarnt als Praktikant. "Ich bekomme Zweifel an dem, was ich selbst für wahr halte", schrieb er in seinem Artikel. "Wer lügt hier, und wer schreibt die Wahrheit? Ich weiß es nicht mehr."

Im Grunde kann man über jeden Baum, an dem man morgens vorbeiläuft, ins Grübeln geraten: Ist es der gleiche Baum wie gestern? Mit letztendlicher Sicherheit kann man so etwas nie sagen, denn es kann sein, dass jemand den Baum nachts ausgegraben und an seiner Stelle einen sehr ähnlichen eingepflanzt hat. Der Nachbar, die Außerirdischen, oder Georg Mascolo. Mascolo, ehemals Chefredakteur des Spiegel, leitet die Recherchekooperation von NDR, WDR und SZ. Rodionov hat mit ihm ein Hühnchen zu rupfen. In einem Kommentar nennt er Mascolo "die öffentlich-rechtliche Stimme der deutschen Geheimdienste". Der Rest fügt sich. Ziel der Geheimdienste: Angst vor Russland schüren, um sich in Berlin noch mehr Geld, noch mehr Personal rauszuhauen.

Ist der Baum noch der Baum? Georg Mascolo als Maulwurf des BND in zwei öffentlich-rechtlichen Redaktionen und bei der Süddeutschen Zeitung? Glaubt man daran, muss man auch an Merkels Sehnsüchte nach Lebensraum glauben. Sonst arbeitet Rodionov mit feineren Mitteln. Das Hütchenspiel geht zum Beispiel so, bleiben wir beim Thema Feindseligkeit. Rodionov sagt mit pädagogischer Milde in die Kamera: "Da bin ich mir aber nicht ganz sicher, ob sie die Richtigen beobachtet haben."

In suggestiv rasanter Reihenfolge werden dann besonders feindselige Schlagzeilen deutscher Medien eingeblendet: "Lügen-Attacke auf die Kanzlerin", Bild vom 30. Januar (da hatte sich Bild über Kisseljows Lebensraum-Gequassel empört). "Angebliche Enthüllungen. Kann das Trump noch das Amt kosten?" (Bild). "Nato schickt 4000 Soldaten an die Putin-Front." (Bild). "Panzer nach Litauen. Bundeswehr rüstet gegen Putin auf." (Bild). Nein, es kommen auch andere Medien vor. Ein Spiegel-Cover (Trump köpft Freiheitsstatue), ein Zeit Online-Kommentar: "Syrien: Sanktionen gegen Russland, jetzt!" (das Wörtchen "Syrien" subtil rausgeschnitten). Die Öffentlich-Rechtlichen sind auf der Feindseligen-Liste mit Tagesschau.de vertreten: "Reaktion auf Panama Papers: Putin sieht eine Kampagne."

Das Hütchenspiel beginnt aber bereits bei der Selbstdefinition. Wir sind ein deutsches Medium, betont Rodionov, ein Medium, das "dem Mainstream" auf die Finger schaut. Auf den ersten Blick stimmt das. Auf den zweiten Blick ist RT Deutsch aber eben keine neue medienkritische Plattform, wie etwa der Bildblog oder Übermedien von Stefan Niggemeier, sondern eine Pipeline des Mainstreams, nur halt des kremlrussischen, aber volles Rohr.

Es ist ein mulmiges Gefühl, den jungen, nichtrussischen RT-Mitarbeitern - Jasmin Kosubek, Reza Abadi, Kani Tuyala - bei ihrer Arbeit zuzusehen. Entweder wissen sie nicht, wo diese Pipeline beginnt, oder es ist ihnen egal. Jasmin Kosubek hat einen einfühlsamen Beitrag über Schwule und Lesben in Sankt Petersburg gedreht. Aber hat der Kollegin wirklich niemand erzählt, was Dmitri Kisseljow von Homosexuellen hält?

"Wenn sie bei einem Autounfall umkommen, muss man ihre Herzen in der Erde vergraben, oder verbrennen, als untauglich für die Fortsetzung irgendeines Lebens", hat er gesagt. Ist auf Youtube, auf Englisch untertitelt.

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