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"Polizeiruf 110" in der ARD:Das Böse trägt Strickjacke

Polizeiruf 110: Sumpfgebiete, Ulrich Noethen und Matthias Brandt

Konfrontation im Kommissariat: Meuffels (Matthias Brandt, rechts) und sein Chef Beck (Ulrich Noethen).

(Foto: BR/Hendrik Heiden)

Dieser "Polizeiruf" ist so vorhersehbar wie ein Teeniehorrorfilm. Einer läuft trotzdem in Supersportler-Manier allein in den dunklen Wald: Kommissar Meuffels. Die Nachlese.

Erkenntnis:

Polizeiarbeit ist vergeblich. Gegen die Skrupellosigkeit und Intrigen der Machteliten kommt ein kleiner Kommissar nicht an. Er bekommt lediglich auf die Fresse.

Was passiert in der Episode "Sumpfgebiete"?

Die Macher des Münchner Polizeirufs erzählen den Fall Mollath nach, mit einer Frau in der Hauptrolle. Wir erinnern uns: Mollath war jahrelang im psychiatrischen Maßregelvollzug untergebracht - widerrechtlich, wie sich später herausstellte. Im Polizeiruf wandert die bemitleidenswerte Julia Wendt nicht nur in die Psychiatrie, sondern muss gleich ganz dran glauben. Umgefahren von einem Auto, direkt vor den Augen von Kommissar Meuffels. Der hat nun doppelt Schuldgefühle. Erst trug er dazu bei, dass Wendt eingewiesen wurde, dann konnte er ihren Unfalltod nicht verhindern. Oder war es doch Mord? Meuffels versinkt im Sumpfgebiet zwischen Realität und Einbildung. Ist er wirklich einem groß angelegten Komplott auf der Spur, in das hochrangige Banker, ein Richter, eine Gutachterin und das LKA verwickelt sind? Wem kann er noch vertrauen? Am Ende nicht einmal mehr sich selbst?

Beste Szene:

Es gibt Fragen, die ehrlicherweise mit Ja beantwortet werden müssten, aber immer mit Nein beantwortet werden. Aus Rücksicht auf die Gefühle des Gegenübers - und aus Feigheit. Bin ich zu dick? Gehst du etwa fremd? Muss ich jetzt sterben? Kommissar Meuffels macht sich nichts aus derlei Konventionen. Selbst dann nicht, als Julia Wendt blutend auf dem Asphalt liegt und ihn flehend anschaut.

Julia Wendt: Muss ich sterben jetzt?

Kommissar Meuffels: Ja.

Julia Wendt: Ich will aber nicht.

Kommissar Meuffels: Ich weiß.

Top:

Wie ist es, wenn einem plötzlich niemand mehr glaubt? Wenn einen selbst enge Kollegen mit dem Jetzt-dreht-er-endgültig-durch-Blick anschauen? Matthias Brandt gibt als Kommissar Meuffels eine eindeutige wie eindringliche Antwort: Es ist ganz furchtbar. Zum Weinen. Oder im Fall von Meuffels: zum Weinflaschen-Entkorken.

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Flop:

Die Episode könnte an die Nerven gehen, tatsächlich geht sie vor allem auf die Nerven. Das Auto, das Julia Wendt umfährt, ist schon zu erahnen, als sie das erste Mal ins Bild kommt (klar, ein Krimi braucht ein Mordopfer). Der Mann vom LKA sieht nicht nur aus wie ein Bond-Bösewicht aus Zeiten des Kalten Krieges, er verhält sich genau so (inklusive fieser Handlanger-Schläger). Ach ja, und natürlich ist der Treffpunkt aller Falschspieler in diesem Polizeiruf ein elitärer Tennisclub (in dem praktischerweise ein Foto aller am Komplott Beteiligten hängt).

Dieser Polizeiruf hat die Dramaturgie eines klischeehaften Teeniehorrorfilms: Der Zuschauer weiß in jedem Moment, was im nächsten passieren wird. Einer läuft trotzdem in Supersportler-Manier allein in den dunklen Wald: Kommissar Meuffels.

Bezeichnender Dialog:

Der verfolgungswahngeplagte Ermittler Meuffels trifft auf eine neue Mitarbeiterin mit maximaler Bodenhaftung. Schauplatz des Mini-Kammerspiels ist ein Überwachungswagen, von dem aus Meuffels Team einen Zuhälter observiert.

Kommissar Meuffels: Wer sind Sie denn?

Gesa Remminger: Ach hallo! Gesa Remminger. Sie sind Herr von Meuffels?

Kommissar Meuffels: Genau ja. Wo is' denn Frau Schulz?

Gesa Remminger: Die wurde für 'ne dringliche Aktion abgezogen.

Kommissar Meuffels: Was denn für 'ne Aktion? Wieso weiß ich davon nix? Und wer hat die abgezogen?

Gesa Remminger: Keine Ahnung. Gucken Sie mal, was der entgeht! Sie kommen genau richtig, da bahnt sich gerade ein Fick an.

Kommissar Meuffels: Gab's heute noch andere Kontakte?

Gesa Remminger: Kontakte? Nee. Die holt er jetzt alle nach, die Kontakte ... (beobachtet den Bildschirm) Ach du Schande! Der is' ja richtig gut ausgestattet! Oder macht das die Perspektive?

Kommissar Meuffels: Weiß ich nicht. Ich hab' nicht so viele Vergleichsmöglichkeiten.

Gesa Remminger: Ach so, ja klar, wie doof von mir! Sie kennen sich ja wohl eher mit den Titten aus, ne!?

Kommissar Meuffels: Ja, das behalte ich aber für mich.

Gesa Remminger: Ist Ihnen das unangenehm, so 'n Porno frei Haus?

Kommissar Meuffels: Nee, wieso?

Gesa Remminger: Nur so.

Polizeiruf 110 Von Meuffels versinkt tief in der Paranoia
"Polizeiruf" aus München

Von Meuffels versinkt tief in der Paranoia

In diesem "Polizeiruf" ist München nicht heimelig, sondern eiskalt. Und der Kommissar verabschiedet sich von der Welt.   TV-Kritik von Holger Gertz

Bester Auftritt:

Ulrich Noethen als Chef der Münchner Mordkommission sieht aus wie ein Gymnasiallehrer für Geschichte und Geografie. Ein ums andere Mal paukt er Meuffels raus und versucht, ihm in tröstlichem bayerischen Dialekt Vernunft einzureden. Als Meuffels vollkommen aufgelöst auf dem Kommissariatsteppich liegt und eingewiesen werden will, schickt er alle raus. Man setzt einen Mann am Boden nicht den hämischen Blicken der Kollegen aus. Ja, dieser Beck könnte die Art loyaler Freund sein, die man sich in Lebenskrisen wünscht ...

Schlusspointe:

... ist er aber nicht. Das Böse trägt Strickjacke in diesem Polizeiruf.

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