Saudischer Blogger Raif Badawi:Gefährliche Öffentlichkeit

Raif Badawi

Der liberale saudische Blogger Raif Badawi.

(Foto: privat)
  • Der Blogger Raif Badawi, der in Saudi-Arabien inhaftiert ist, bringt in Deutschland ein Buch heraus.
  • Seine Frau und er glauben, dass ihn diese Form der Öffentlichkeit schützt.
  • Doch der Schuss könnte nach hinten los gehen.

Von Tomas Avenarius

Wenn in deutschen Buchläden jetzt eine Neuerscheinung ausgelegt wird mit dem Titel 1000 Peitschenhiebe. Weil ich sage, was ich denke, dürfte das Buch gut verkauft werden. Der Band präsentiert eine Reihe von vor etwa vier Jahren erschienenen Internet-Texten des inhaftierten und öffentlich ausgepeitschten Bloggers Raif Badawi.

Es geht um Rede- und Meinungsfreiheit, den Islam und Saudi-Arabien als Reich des ewig-öligen Bösen. Gut also, dass der Band mit den Staats-Islam-kritischen Texten Badawis erscheint: Der Saudi ist ein Gesinnungsgefangener, er muss freigelassen werden. Aber leider auch weniger gut, dass dieses Buch möglicherweise den genau gegenteiligen Effekt erzielen wird.

Wenig Zustimmung im eigenen Land

Der 31-Jährige sitzt in Haft wegen Äußerungen zur Omnipräsenz einer unzeitgemäßen Lesart des Islam in allen saudischen Lebensbereichen - vom Gesetzbuch über den Alltag bis zu den Beziehungen zwischen Mann und Frau.

Dass Badawi in seinem Blog Freie saudische Liberale dagegen angeschrieben hat, war nicht nur durch eine westliche Brille betrachtet mutig. Auch mancher Freigeist in Ägypten, im Irak oder eben in Saudi-Arabien wird dem "saudischen Liberalen" recht geben. Und wenn sie es in der Sache nicht tun, würden sie zumindest im privaten Gespräch dafür eintreten, dass er eine Meinung äußern darf, die nicht die ihre ist.

Über die archaische Strafe, die die Saudi-Justiz gegen Badawi verhängt hat, muss keiner mehr reden - sie bleibt eine Schande für das Land. Klar ist aber auch, dass die überwiegende Mehrheit der Saudis die Begriffe "liberal" oder "säkular" als Synonym für Ketzer begreift.

Vorwort aus dem Gefängnis heraus

Zu Hause findet der Rationalist Badawi nur einen Bruchteil der Sympathie, die er weltweit erntet. Müßig die Frage auch, ob die Veröffentlichung des Buches hilft zu einem Zeitpunkt, zu dem der Prozess gegen den Blogger neu aufgerollt werden soll.

Badawi selbst wollte es, er hat aus dem Gefängnis heraus halb-heimlich ein Vorwort für das von dem deutschen TV-Journalisten Constantin Schreiber im Ullstein-Verlag herausgegebene Buch diktiert.

Seine Ehefrau, die in Kanada im Exil lebt, meint ebenfalls, dass größtmögliche Öffentlichkeit der Freilassung ihres Mannes diene. Das Buch solle ihn außerdem davor schützen, im Neuverfahren als angeblich Abtrünniger vom Islam zum Tod verurteilt zu werden.

Ob das Kalkül aufgeht? Das Königshaus und die mit ihm symbiotisch verbündeten Islamgelehrten folgen ungern den Mechanismen eines westlichen Politikdiskurses, in dem Öffentlichkeit ab einer bestimmten Lautstärke das Einlenken unausweichlich macht.

Für das Königshaus geht es um die eigene Herrschaft

Schließlich geht es um ein Regime, das sich angesichts der wachsenden Armut in einem der reichsten Länder der Erde und der Korruption im eigenen Palast bestenfalls mit der Berufung auf die Religion irgendwie noch rechtfertigen lässt. Weshalb in keinem anderen islamischen Land Krone und "Kirche" so einvernehmlich regieren wie in Saudi-Arabien.

Aus Sicht des Königs und seiner gelehrten Büchsenspanner geht es bei Raif Badawi um viel mehr als um Meinungsfreiheit. Es geht um die eigene Herrschaft. Daher wird sich rasch zeigen, ob sich erfüllen kann, was Badawi geäußert hat: "Wir werden dem versteinerten Gedankengut ganz einfach nicht erlauben, zu uns zurückzukommen."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB