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Hörspiele:Wenn der Reisepass keine Grenze setzt

Im Hohen Atlas in Marokko, nahe dem Dorf Imlil, sind zwei Touristinnen getötet worden - im Hörspiel "Peace" wollen die Protagonisten trotzdem hin.

(Foto: FADEL SENNA/AFP)

Ein Hörspiel führt in das Syrien vor dem Krieg. Und ein anderes schickt seine Hauptfiguren in gefährliche Gebiete Marokkos.

Von Stefan Fischer

"Baschar ist unser Gott", flüstert die junge Schauspielerin Amal, dann spricht sie den Satz vernehmbar und schreit ihn schließlich, immer wieder. Ein syrischer Geheimdienstoffizier zwingt sie dazu. Seine Kollegen verwüsten derweil Amals Wohnung. "Haben wir dich jemals verhaftet?", brüllt der Offizier sie an. "Oder deinen Vater?" Nein, entgegnet die eingeschüchterte Frau. Warum sie dann für Freiheit demonstriere, wenn sie doch frei sei?

Frühjahr 2011, der arabische Frühling zieht herauf, auch in Syrien schöpfen die Menschen Hoffnung, fassen Mut, glauben an Veränderungen. Vor allem die jungen, gut ausgebildeten. In den vier halbstündigen Folgen von Olga Grjasnovas Hörspiel Gott ist nicht schüchtern (Regie: Sophie Garke) schlittern diese jungen Syrer jedoch in den heraufziehenden Bürgerkrieg hinein.

Das Regime bereitet sich auf den Krieg vor

Neben Alma rückt auch Hammoudi ins Zentrum dieser Geschichte. Er hat in Paris Medizin studiert und soll nun eine Stelle antreten, träumt von einer gemeinsamen Zukunft mit seiner französischen Freundin. Mit einem Trick wird er zurück nach Syrien gelockt. Das Regime braucht Ärzte, es bereitet sich auf den Krieg vor. Auch Alma und Hammoudi müssen Vorkehrungen treffen, sich entscheiden, auf welcher Seite der Front sie stehen, wofür sie kämpfen wollen. Neutral zu bleiben ist keine Option. Auch wenn sie diesen Krieg nicht wollen.

In einem spannenden Kontrast zu Gott ist nicht schüchtern steht Andreas Jungwirths Hörspiel Peace (Regie: Jean-Claude Kuner). Ein schwules deutsches Paar reist nach Marokko, will in den Hohen Atlas. In eine Region, in der soeben zwei Touristinnen ermordet worden sind von islamistischen Attentätern. Eine kurze Irritation, doch dann fahren David und Stefan wie geplant. Ihr Reisepass setzt ihnen keine Grenzen, anders als den Syrern oder Marokkanern der ihre. Sie haben die Wahlfreiheit, heikles Terrain zu betreten oder der Gefahr fernzubleiben. Mit einem Gefühl der Angstlust dringen sie vor. Dass ihr marokkanischer Guide daraus ein makabres Spiel macht, begreifen sie lange nicht.

Beide Stücke irritieren durch die Art, wie sie mit ihren Helden umgehen und wie diese auf ihre Überforderung reagieren. Mitteleuropäische Gewissheiten lösen sich in beiden Szenerien auf. Und an diesem Punkt wird es in beiden Fällen spannend.

Gott ist nicht schüchtern, WDR 3, Montag bis Donnerstag, jeweils 19.04 Uhr.

Peace, MDR Kultur, Montag, 22 Uhr.

© SZ/ebri
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