Journalistin Maria Ressa Bedroht, inhaftiert - und immer noch laut

Mehrmals verhaftet, nie eingeschüchtert: Journalistin Maria Ressa.

(Foto: Aaron Favila/DPA)

Maria Ressa sorgt dafür, dass die Welt vom Alltag im Drogenkrieg auf den Philippinen erfährt. Damit gefährdet sie ihr Leben. Genau wie neun weitere Journalisten, die wir hier vorstellen.

Von Frederik Obermaier

Als Maria Ressa zu zählen aufhörte, war sie bei 90 Nachrichten angelangt. Einige Absender machten sich über ihr Aussehen lustig; andere drohten, sie zu vergewaltigen - oder gar zu töten. 90 Drohungen hat Ressa bekommen, in einer Minute, allein über Facebook. Offenbar stammten sie von Anhängern des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte. Seit seiner Wahl 2016 hat er Journalisten von seinen Veranstaltungen ausgesperrt, sie als "Spione" und "Hurensöhne" beschimpft, sie bedroht, verklagen und inhaftieren lassen. Denn Duterte ist im Krieg. Gegen die Drogen - und gegen Medien, die das willkürliche Töten anprangern. Ganz besonders abgesehen hat es Duterte auf das Onlinemedium Rappler und dessen Chefin Maria Ressa.

Ressa, 55, ist eine der renommiertesten Journalistinnen der Philippinen. Sie recherchierte zum Treiben von Al-Qaida in Südostasien, leitete für CNN die Büros in Manila und Jakarta, schrieb Bücher und arbeitete für den größten Nachrichtensender des Landes ABS-CBN. 2012 gründete sie mit mehreren Kolleginnen Rappler. Der Name setzt sich zusammen aus den englischen Wörtern "rap" und "ripple", also "diskutieren" und "Wellen machen". Tatsächlich schlug die Webseite, bei der überwiegend Frauen arbeiten, schnell Wellen. Rappler schwieg nicht, als immer mehr Menschen dem Drogenkrieg zum Opfer fielen. Die Redaktion legte sich mit Duterte an, und damit mit einem Mann, der Journalisten auch gerne mal droht, dass sie "nicht von Mordanschlägen ausgenommen" seien. Rappler setzte vor allem auf Facebook, jenes Medium, über das die meisten Philippinos ihre Nachrichten beziehen. Dort allerdings meldeten sich rasch Heerscharen anonymer Nutzer, die bewusst Falschmeldungen verbreiteten. Als Facebook selbst nicht reagierte, machte Rappler Druck. Als eine Reporterin aus dem Malancañang-Palast - dem philippinischen Präsidentensitz - verbannt wurde, war das ein Ansporn, Rappler wurde zu einer lauten Stimme in einem Land, in dem viele vor dem Offensichtlichen die Augen schlossen: dem Abrutschen der jungen Demokratie zurück in eine Autokratie. Auch Dank Ressa und ihren Kolleginnen erfuhr die Welt vom grausamen Alltag von Dutertes Drogenkrieg.

Vor wenigen Wochen war Ressa auf dem Cover des US-Magazins Time zu sehen: als "Person des Jahres", zusammen mit dem in der saudischen Botschaft in Istanbul ermordeten Jamal Khashoggi, den beiden in Myanmar inhaftierten Reuters-Journalisten Wa Lone und Kyaw Soe Oo und jenen fünf Journalisten, die bei einem Anschlag auf die US-Lokalzeitung Capital Gazette getötet wurden. Eine wichtige Anerkennung für Ressas Arbeit, aber auch für den Preis, den sie und ihre Kolleginnen zahlen: tägliche Beschimpfungen und Drohungen, auch vom Präsidenten. Der warnte Rappler-Reporterin Pia Ranada öffentlich davor, in seine Heimatstadt Davao zu reisen. "Es wird Ihnen etwas Schlimmes zustoßen." In einem Land wie den Philippinen ist das nicht einfach so dahingesagt. Seit 1992 wurden laut der US-Nichtregierungsorganisation Committee to Protect Journalists 80 Journalisten ermordet. Fast alle Fälle sind bis heute ungeklärt.

"Ich werde die Regierung dafür verantwortlich machen, dass sie mich als Verbrecherin bezeichnet."

Heute arbeiten noch etwa 90 Männer und Frauen für Rappler, etliche sind wegen des Risikos gegangen. Die philippinischen Behörden haben zuletzt mehrere Verfahren gegen Rappler und seine Macherinnen eingeleitet, auch wegen angeblicher Steuervergehen und angeblich falscher Angaben zu Besitzverhältnissen. Vor allem eine Spende des US-Ebay-Gründers Pierre Omidyar steht im Fokus. Ressa stellte sich deshalb im November 2018 selbst den Behörden; nach wenigen Stunden wurde sie wieder freigelassen. Alle Vorwürfe hat sie stets zurückgewiesen. "Ich werde meine Regierung dafür verantwortlich machen, dass sie mich öffentlich als Verbrecherin bezeichnet", kündigte sie an.

Im Februar wurde sie erneut vorübergehend festgenommen. Diesmal ging es um angebliche Verleumdung, die philippinische Journalistengewerkschaft sprach von einem "schamlosen Akt von Verfolgung durch eine rabiate Regierung". Maria Ressa lässt sich davon nicht abschrecken. Sie und ihr Team würden weitermachen, schrieb sie der SZ. "Jetzt zu schweigen, kann zum Tode unserer Demokratie führen."

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