New Yorker zum 90.:Unernst, aber kein Witzblatt

Lesezeit: 4 min

Aktuelle Jubiläumsausgabe des New Yorker.

Smartphone statt Monokel und Afro statt Zylinder: die aktuelle Jubiläumsausgabe des New Yorker.

(Foto: The New Yorker)

Als vor 90 Jahren die erste Ausgabe des "New Yorker" erschien, war sie ein wirtschaftlicher Reinfall. Ausgerechnet eine Klatschgeschichte begründete schließlich die Popularität des elitären Magazins - das sich über die Provinzdeppen erheben wollte, die New York im Rest Amerikas vermutete.

Von Willi Winkler

Vor ziemlich genau neunzig Jahren, am 21. Februar 1925, erschien der erste New Yorker. Zum Jubiläum kommt die Zeitschrift mit einer Doppelnummer und neun verschiedenen Titelbildern heraus, alle Variationen des allerersten von Eustace Tilley, das einen monokeltragenden Dandy zeigte.

Da der Februar auch der Black History Month ist, gibt es etwa einen schwarzen Gentleman, und weil die Zeiten so modern sind, hört er über einen Knopf im Ohr irgendeine unerhörte Musik, während er sich ein Lesegerät vor die Nase hält. Immerhin, so heiter nimmt man die allgegenwärtige Krise doch, flattert ein bunter Schmetterling auf den Käufer zu.

Krise? Können andere besser. Der New Republic ist gerade passend zum Hundertjährigen von seiner Redaktion verlassen worden. Links und rechts wird gespart, entkernt, eingedampft.

Natürlich kriselt es auch beim New Yorker gewaltig, aber das ist nicht neu. Die Krise ist genau genommen bereits neunzig Jahre alt. Im Jubiläumsheft berichtet der Schriftsteller Ian Frazier in einer brillanten historischen Reportage, wie damals alles anfing, alles ganz schlimm wurde und sich dann alles zum Guten, zum Besten und überhaupt zum Glück wendete.

Harold Ross, der als Soldat für die Armeezeitung Stars & Stripes gearbeitet hatte, wünschte sich ein urbanes Magazin, das unernst, aber kein Witzblatt sein sollte. Einen gewissen Anspruch sollte es pflegen, Stil zeigen, also eher britisch in der Anmutung sein oder doch mehr ostküstenamerikanisch als so provinzdeppenhaft, wie man sich von New York aus den Rest Amerikas vorstellte.

Zusammen mit Freunden brachten Ross und seine Frau ein Startkapital von 46 000 Dollar auf, und so gingen sie an die Kioske und fast auf der Stelle ein. Als der Sommer kam, war die Auflage von knapp 15 000 auf 2719 verkaufte Exemplare gesunken.

Das kesse Manifest einer Jugend

Ross wollte aufgeben, aber er wollte das Magazin doch behalten. Sein Freund Raoul Fleischmann, der ein Vermögen mit Hefe gemacht hatte, spendierte 60 000 Dollar für eine Werbekampagne. Doch als weit wichtiger erwies sich ein Artikel, der im November 1925 mit der sagenhaft langweiligen Überschrift "Why We Go to Cabarets: A Post-Debutante Explains" erschien.

Es handelte sich dabei nicht um eine Kurzgeschichte, es war auch keine jener Reportagen, für die das Magazin Jahrzehnte später berühmt wurde, sondern das kesse Manifest einer Jugend, die sich gegen die Bevormundung der Älteren zur Wehr setzte.

Die Autorin weist die Behauptung zurück, dass die jüngere Generation die sieben Todsünden erfunden habe, gibt aber gern zu, dass ihr und ihresgleichen "die Unterstellung insgeheim schmeichelt, wir wären pittoresk verwahrlost".

Mit einem gewissen Recht, mit dem Recht des Oberschichtmädchens, beklagt sich die Autorin, dass sie diese Partys satt habe, bei denen die langweiligen Junggesellen herumstehen und sich eine Tanzpartnerin aussuchen können. "Wir halten uns an die Leute, die wir attraktiv finden", lautet die Botschaft dieses kuriosen Manifests.

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