Erfolg des iPhone Apple spiegelt den Narzissmus

Der erste Käufer eines iPhone 6 vor einem Geschäft in Tokia - sieht sehr verliebt aus.

(Foto: Yuriko Nakao/Bloomberg)
  • Der Erfolg von Apple kann nicht rational erklärt werden.
  • Ästhetik-Theoretiker Kurt W. Forster sagt: "Das Geheimnis liegt in der Oberfläche."
  • Um Apple zu verstehen, kann es hilfreich sein, sich an die Figur des Narziss zu erinnern.
Ein Kommentar von Gerhard Matzig

Im Weihnachtsquartal hat Apple so viele Produkte verkauft wie kein Unternehmen zuvor. Stündlich seien 34 000 iPhones über die Ladentische gegangen, heißt es. Insgesamt wurden 75 Millionen iPhones verkauft, verkündet die Firma. In drei Monaten. Das ist ein fast schon bizarrer Erfolg.

Der auch nicht nachvollziehbarer wird, wenn man darauf hinweist, dass es Hersteller gibt, die im Vergleich zu Apple bessere Geräte zu günstigeren Preisen anbieten. Oder wenn man sich klarmacht, dass Apple ein Konzern ist, der Dinge herstellt, die von einer Aura der Reinheit umgeben sind - während man doch genau weiß, unter welch schmutzigen Bedingungen diese ephemere Dingwelt erschaffen wurde. Foxconn lässt grüßen (Gründe für den Erfolg lesen Sie hier).

Der ans Absurde grenzende Apple-Erfolg ist rational nicht zu erklären. Auf dem Terrain der Irrationalität und der Emotionen dagegen schon. "Zweifellos liegt das Geheimnis in der Oberfläche", schreibt Kurt W. Forster in seinem Essay "Above the Trash". Darin widmet sich Forster als einer der anregendsten Ästhetik-Theoretiker der Gegenwart unter anderem dem Design der Apple-Produkte: "Randlos gefasst, dunkel und unergründlich scheint ihre Oberfläche nur auf den Blick eines Narziss zu warten, der erst von sich weiß, indem er sich im Wasser spiegelt."

Vielleicht ist die Figur des Narziss eine Erklärung für das, was mit dem üblichen (und wohl auch schon 75 Millionen Mal gelesenen) Hinweis auf das überragende Apple-Design nur unbefriedigend zu erklären ist.

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Das Apple-Ding, gehandelt unter dem signifikanten Emblem eines angebissenen Apfels, also unter dem paradox anmutenden Zeichen der Unvollkommenheit, erfährt seine eigentliche Vollendung erst im Auge des Betrachters. Als Folge narzisstischer Selbstliebe.

Wir lieben demnach nicht allein das Produkt, wir lieben unser Spiegelbild wie Narziss, der sich, so Forster, in seinem eigenen Bild zu erkennen sucht und doch nie über sich hinauskommt: "Seine Identität ist ihm ebenso verschlossen wie die Tiefe des Teiches und doch haftet er an ihr ( . . . ) bis in den Tod. Der Spiegel trägt stets diesen Widerspruch in sich, dass er dem Betrachter mit seinem eigenen Bild begegnet, aber den Zugang verweigert, weil hinter ihm eine andere virtuelle (parallele, fantastische) Welt liegt, die nur aus Spiegelungen besteht."

So gesehen, wäre nicht das Design die Erklärung für den ungewöhnlichen und nun auch schon ungewöhnlich lange anhaltenden Erfolg Apples, den man ebenso gutheißen wie verdammen kann. Sondern gerade das Ende des Designs.

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Apple hat konsequenter als jeder andere Produzent einen bekannten Lehrsatz aus der Geschichte der Ästhetik angewendet, "less is more". Dieser Satz verbindet den Dichter Christoph Martin Wieland, der schon 1774 zu bedenken gab "Und minder ist oft mehr", auf verblüffende Weise mit dem Architekten Ludwig Mies van der Rohe, der den Satz für den Minimalismus in der Architekturgeschichte der Moderne umdeutete. In der Apple-Historie (ob mit oder ohne Apple-Design-Legende Jonathan Ive) läuft "Weniger ist mehr" auf das Verschwinden der Dinge hinaus. Darauf, dass Materialität und Konstruktion als Rahmen hinter der Oberfläche des digitalen Raumes verschwinden, wobei diese Oberfläche zugleich das Spiegelbild unseres Selbst ist.

Apple-Produkte sind perfekte Oberflächen. Nichts anderes. Sie spiegeln uns und unsere Sehnsucht nach Vollkommenheit. Die Geschichte des Narziss endet übrigens tragisch. Er ertrinkt.