Journalismus:"Diese Zeit lässt sich nicht einfach ausradieren und umkrempeln"

Redaktion und Verlag Neues Deutschland Franz Mehring Platz Friedrichshain Berlin Deutschland ***

Ein machtvolles Zeichen waren in der DDR diese beiden Buchstaben, die den Eingang der Redaktionsgebäudes zieren: Neues Deutschland. Nach der Wiedervereinigung blieb das Parteiorgan erhalten, nun heißt es nur noch: ND.

(Foto: Schoening/imago images)

Die einstige SED-Parteizeitung "Neues Deutschland" heißt jetzt "nd" - und zielt längst nicht mehr nur auf alte Ost-Linke als Publikum. Ein Redaktionsbesuch.

Von Philipp Bovermann

Es kommt nicht so häufig vor, dass ein Leben endet, ohne dass dabei der Tod eintritt. Noch seltener gehen zwei Leben vorüber, und dann beginnt ein drittes. Wenn es doch passiert, stellen sich Fragen. Wolfgang Hübner, Mitglied der Chefredaktion des Neuen Deutschland, schrieb Mitte Juli "in eigener Sache" über die "zwei Leben", die bereits hinter der Zeitung lägen. Anlass war die geänderte Aufmachung, in der sie seitdem erscheint - als nd, so steht es nun abgekürzt und kleingeschrieben auf der Titelseite. Die "Sozialistische Zeitung" bekommt außerdem ein neues Corporate Design, wie man heute sagt, ein kräftiges, sozialistisches Rot. Zurück zu den Wurzeln.

Es geht in Hübners Editorial hauptsächlich um das erste Leben bis 1989, als das ND Parteizeitung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands war, ihr "Zentralorgan", wie es damals verkündete - nicht kleingeschrieben, sondern groß und mit Orden auf der Titelseite. "Die DDR war ein historisch ambitioniertes Projekt, das zeit seiner Existenz mit inneren Widersprüchen und Defiziten sowie inneren und äußeren Zwängen und Angriffen zu kämpfen hatte", schreibt Hübner. Das klingt nach: Es war damals ja nicht alles schlecht. Er schreibt aber auch, der "real praktizierte Sozialismus" sei "gescheitert und seither in den Augen vieler Menschen diskreditiert". Trotzdem gehöre das Neue Deutschland "im gesamtdeutschen System" dazu - "nicht weil wir uns angepasst, sondern weil wir uns behauptet haben".

An den Verwerfungen, die das Land ergriffen, war die Zeitung hautnah dran, denn sie war selbst davon betroffen

Was hat sich da behauptet? Was lebt weiter in einem "dritten Leben"? Um das zu verstehen, lohnt ein Blick in Hübners Büro. An der Wand hängt, neben einer Szene von Lenin im Gespräch an einem Tisch, mit dem Stift in der Hand, ein inzwischen fast völlig verblasstes Gemälde. Man sieht als vage Ahnung nur noch eine Brille und einen Schlips. Wer das denn sei? "Na, den kennen Sie doch", sagt Hübner amüsiert. Das Gemälde Erich Honeckers hing schon vor der Wende im Büro des Chefredakteurs. Damals war, wer auf seinem Stuhl saß, einer der mächtigsten Männer in der DDR, und Hübner ein junger Redakteur im Ressort "Volksbildung" - stolz, weil er nach dem Studium direkt eine Stelle beim ND zugewiesen bekam, "gleich beim Zentralorgan". Er habe an die Ideale des Sozialismus geglaubt, "na klar". Die Redaktion des ND sei nicht der Ort für Widerständler gewesen.

Dann, zur Wende, landete das Gemälde zusammen mit all dem anderen Unrat der Geschichte, von dem urplötzlich keiner mehr was wissen oder gewusst haben wollte, auf dem Flur, unterwegs zur Müllkippe. Hübner schnappte es sich und bewahrt es auf, bis heute - auf den Kopf gedreht, so wie Antichristen das Kreuz falsch herum aufhängen. Seitdem sieht er ihm beim Verblassen zu. "Diese Zeit lässt sich nicht einfach ausradieren und umkrempeln."

Als im Sommer 1990 die staatlichen Gelder für die Zeitungen eingestellt wurden, musste sich das Blatt plötzlich gegen die etablierten Medienhäuser des Westens behaupten. Ein neuer Ton musste her. Das "Wir-Gefühl" beim Schreiben musste einer "beobachtenden Haltung" weichen, sagt Hübner.

Schriftzug Neues Deutschland auf dem Verlagsgebäude in Berlin *** New Germany lettering on the publ

Der riesige Apparat musste schrumpfen, die Redaktion sitzt aber auch heute im Haus in Friedrichshain.

(Foto: Winfried Rothermel/imago/Winfried Rothermel)

So etablierte sich die Zeitung als kritische Beobachterin der "Wende", wie sie im Neuen Deutschland zunächst bezeichnet wurde - mit Anführungszeichen, wie zuvor "Bundestag". An den Verwerfungen, die das Land ergriffen, war sie hautnah dran, denn sie war selbst davon betroffen. Die Auflage von über einer Million brach in sich zusammen, nachdem die Parteizeitung nicht mehr allerorten repräsentativ und konkurrenzlos herumzuliegen hatte. Der riesige Redaktionsapparat auf sieben Stockwerken musste radikal schrumpfen. Keiner habe gewusst, wie es weitergeht, weder mit dem Land, noch mit einem selbst, sagt Hübner. Jeder, auch er, habe Angst gehabt, dass er rausfliegt. Dieses zutiefst konservative Gefühl, von bedrohlichen Kräften überrollt zu werden, spricht aus den Artikeln jener Zeit. Der Leitartikel vom 1. August 1990 etwa - vor dreißig Jahren - warnt vor einer "Säuberungsaktion" in der SPD. "Haß und Machtkalkül schlägt einem da entgegen", schreibt die Autorin. "Wie Vernünftigdenkende aus einer Partei hinausgesäubert werden, haben wir in der alten SED zur Genüge erlebt."

Inzwischen ist die ND-Auflage auf etwa 20 000 zusammengeschnurzelt. Nach wie vor sitzen die Leser überwiegend im Osten Deutschlands, vor allem in der Region um Berlin - möglicherweise, glaubt Hübner, weil dort die Menschen leben, die in offizieller Funktion mit dem Staat zu tun hatten. Ein bisschen Ost-Wehmut darf da ruhig einmal durchs Blatt wehen. Die große Geschichte auf der Seite Drei in der Ausgabe vom Tag des Redaktionsbesuchs erzählt von "der Sachsen Fleiß", es geht um eine Ausstellung in Zwickau zu 500 Jahren sächsischer Industriekultur. Auf dem Foto zu sehen ist eine Gruppe tüchtiger Arbeiter und ein P70, Baujahr 1955, aus volkseigener Produktion.

Die ND-Rhetorik der Wendezeit erinnert bisweilen an jene, die heute die AfD kopiert. Nun, mit dem neuen Auftritt, soll das Wort "Deutschland" nicht mehr groß auf der Titelseite des Neuen Deutschland stehen.

Darin spiegelt sich ein Generationswechsel. Das ND zielt längst nicht mehr nur auf alte Ost-Linke als Leser - aus demografischen Gründen wäre das ein gewagtes Unterfangen - sondern auch auf junge West-Linke wie Marie Frank, 32 Jahre alt. Sie trägt einen Nietengürtel, ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Love St. Pauli, Hate Racism", ihre Haare sind kurz geschoren, ihre Arme und ihr Hals tätowiert. Sie kommt aus der Frankfurter Punkszene und lebt in einem queerfeministischen Hausprojekt in Berlin-Mitte, das aus einer Besetzung hervorgegangen ist. Jetzt sitzt sie im "Ort der Visionen", einem holzgetäfelten Siebzigerjahre-Konferenzraum des ND, in dem man sich nicht wundern würde, wenn die Tür aufginge und ein Genosse Sonderbeauftragter hereinspaziert käme. Marie Frank ist seit Juni eine von zwei Ressortleitern des großen Ressorts "Hauptstadtregion" für Berlin und Brandenburg.

Dort nutzt sie ihre Kontakte in die außerparlamentarische Linke, in Antifa-Gruppen und die Hausbesetzerszene, um "initiativenorientiert" über Stadtpolitik zu berichten. Zum Beispiel über ein "Mahnmal" für die "gefallenen deutschen Helden" in einem offenbar völkisch angehauchten Seniorenheim; der Tipp kam von lokalen Antifa-Aktivisten. Zum Journalismus gehöre aber auch, mit allen zu reden, sagt sie, sich nicht nur auf der Straße auszukennen, sondern auch im Innenausschuss und im Parlament. Die Gegenseite befragen.

Journalismus: FDJ-Mitglieder lesen im "Neuen Deutschland" vom Tod Ulbrichts.

FDJ-Mitglieder lesen im "Neuen Deutschland" vom Tod Ulbrichts.

(Foto: imago stock&people)

Für manche Leser sei sie "die Antideutsche", sagt Frank - manchmal sagt sie Sätze, die wohl auch alten Marxisten gefallen dürften, zum Beispiel, dass sie die Presse "als Teil der ideologischen Apparatur dieses Staates" betrachte. Nur mit Parteien habe sie eben so gar nichts am Hut. "Wenn es einen Einfluss von einer Partei gäbe, dann würde mir das gar nicht passen."

Das ND gehörte als Parteizeitung zunächst der PDS, der Nachfolgepartei der SED. Die Linke ist heute nur noch zur Hälfte über eine Holding beteiligt. Als Gesellschafterin könne sie bei wichtigen geschäftlichen und personellen Entscheidungen mitbestimmen, aber nicht redaktionell, beteuert Chefredakteur Wolfgang Hübner. Der Partei sei sie "in kritischer Solidarität" verbunden, nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Es habe da vor einiger Zeit ein Gespräch mit dem Parteivorsitzenden Bernd Riexinger gegeben, dem gewisse Dinge im Blatt nicht gepasst hätten. Worum es ging, möchte er nicht sagen. "Es gab unterschiedliche Sichtweisen."

Auf einem Zettel an der Pinnwand in seinem Büro steht, schräg gegenüber dem verblassenden Honecker-Porträt: "Die Journalisten müssen bereit sein, die von der Partei geforderten beliebigen Artikel aus dem Stegreif schreiben zu können." Darunter, kleiner: "Kim Jong Il".

© SZ/hy/ebri
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