bedeckt München 12°
vgwortpixel

Neue Staffel "Club der roten Bänder":Eine Inspiration für das deutsche Fernsehen

"Handwerklich haben wir noch mal was draufgelegt, besonders auch die Schauspieler", sagt Vox-Chef Bernd Reichart.

(Foto: Vox)

Mit dem "Club der roten Bänder" schaffte Vox einen überraschenden Erfolg. Gerade wird die zweite Staffel gedreht. Auch andere Sender suchen den ultimativen Fortsetzungs-Plot.

Draußen ist Monheim, draußen ist Hitze. Drinnen ist drückend. Aber nicht nur wegen der Hitze. Es stirbt gerade jemand. Gebannt folgen etliche Menschen dem intimen Gespräch zweier Menschen in einem Krankenzimmer. Man könnte eine Stecknadel fallen hören. Es geht um Leben und Tod. Bis der Regisseur "Danke" sagt und sich die Spannung löst.

Was in der kleinen Stadt zwischen Köln und Düsseldorf von außen aussieht wie ein abgehalftertes Bürogebäude, ist innen ausgestattet wie eine Klinik. Vor allem aber ist dies ein großer Ort der Hoffnung. Hier wird nämlich gerade gedreht, hier wird ein Versprechen eingelöst, hier will man zeigen, dass die zweite Staffel der Vox-Serie Club der roten Bänder mindestens so emotional packend gerät wie die erste. Deshalb sind alle noch stiller als sie sowieso sein sollten am Drehort. Es geht um was.

Aus dem Nichts hat Vox diese Serie geschaffen

Im vergangenen Jahr gab es im deutschen Fernsehen einen großen Sieger. Das war der Club der roten Bänder. Aus dem Nichts hat Vox diese Serie geschaffen und der gesamten Branche gezeigt, dass man das Seriengenre abseits der Krimiproduktion nicht kampflos den großen Playern der Marke Netflix oder Amazon überlassen muss, dass man sogar mit einem Eigenprodukt sehr gute Marktanteile einfahren kann. Bei fast jeder Preisverleihung war der Club der roten Bänder vorne mit dabei und bewies damit, dass die deutsche Serie lebendig ist, dass sie eine Chance hat.

Der Erfolg zählte 2015 doppelt, weil im Vox-Mutterhaus RTL ein paar Monate zuvor Deutschland 83 gelaufen war, eine durchaus ordentlich produzierte Serie, die zwar von der Kritik gelobt, von den Zuschauern aber mit wenig Zuspruch gestraft wurde. Auch in anderen Sendern war man nicht wirklich hoffnungsfroh, was die hauseigene Serienproduktion anging. In der ARD erstickte das ambitionierte Projekt Die Stadt und die Macht an einer überforderten Hauptdarstellerin und zu vielen Figuren, die Vorstadtweiber verliefen sich im Wien-Klischee, und selbst die dritte Staffel von Weissensee blieb qualitativ hinter ihren Vorläufern zurück.

Club der roten Bänder Das Fernsehen braucht diese Serie
TV-Kritik
"Club der roten Bänder" auf Vox

Das Fernsehen braucht diese Serie

Glatzköpfige Protagonisten, die stolz ihre Beinstümpfe in die Kamera halten? So etwas gilt als nicht darstellbar. Vox beweist das Gegenteil.   Von Hans Hoff

Beim ZDF schlug man sich mit der vorschnellen Ankündigung herum, das deutsche Breaking Bad schaffen zu wollen. Kein Wunder, dass Bastian Pastewkas zugehöriger Versuch Morgen hör ich auf im Januar in der Belanglosigkeit versandete.

Vorerst geht die Suche also weiter nach der ultimativen deutschen Serien-Idee, vielleicht wird Matthias Schweighöfer fündig, dessen Amazon-Produktion Wanted 2017 zu sehen sein soll. Beim Bezahlsender TNT sorgte die Mysteryserie Weinberg für ein wenig Aufsehen; ob es sich in Zuseher verwandeln lässt, soll sich demnächst im Free TV erweisen. Ausgerechnet Vox hat die Serie gekauft, wohl auch, weil die beiden Weinberg-Autoren Arne Nolting und Jan Martin Scharf gleichfalls für die Drehbücher zum Club der roten Bänder verantwortlich zeichnen.

Eine sehr anrührende Mischung, die Tragik und Humor mit akkuratem Timing zu verbinden weiß

"Ich habe Gratulations-SMS aus der ganzen Branche bekommen. Die meisten haben gesagt: Das ist gut für uns alle", berichtet Vox-Chef Bernd Reichart. Er hat die in Spanien erfolgreiche Krankenhausserie, die sich nicht um Ärzte, sondern um sechs kranke Jugendliche dreht, nach Deutschland geholt, hat sie mit Sorgfalt eindeutschen lassen und einem großen Publikum bewiesen, dass man auch Themen wie Krebs bei Kindern, Beinamputationen und Essstörungen in großes Fernsehen verwandeln kann. Herausgekommen ist eine sehr anrührende Mischung, die Tragik und Humor mit akkuratem Timing zu verbinden weiß. Im Prinzip geht es durchgehend um junge Menschen und Probleme, die sich leichter lösen lassen, wenn man sich mit Gleichgesinnten zusammentut - wenn man halt einen Club gründet.

Schon während der Produktion der ersten zehn Folgen war Reichart klar, dass der Club, der nach den Bändern benannt wurde, die man im Krankenhaus anlässlich einer Operation umgebunden bekommt, in eine zweite Staffel gehen musste. Manche haben ihn deshalb belächelt. Schließlich hatte Vox vorher noch keinen Ernst zu nehmenden Versuch gestartet, das Thema Serie für sich zu gewinnen. Reichart hat das Lächeln in Kauf genommen und sein Ding durchgezogen.