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Netflix-Serie "Umbrella Academy":Besser als die erste Staffel

Klaus (Robert Sheehan) hat einen Kult gegründet, seine Schwester Allison (Emmy Raver-Lampman) kämpft für die Rechte der Schwarzen in den Sechzigern - zwei Welten, die aufeinanderprallen.

(Foto: COURTESY OF NETFLIX/NETFLIX/COURTESY OF NETFLIX/NETFLIX)

Der Netflix-Serie "Umbrella Academy" gelingt das, woran die meisten Fortsetzungen scheitern.

Von Johannes Nebe

Es gibt Menschen, die den Kontakt zur Familie auf das Nötigste reduzieren, nur zu den wichtigen Ereignissen trifft die Verwandtschaft aufeinander: Weihnachten, Beerdigungen, vielleicht noch der 80. Geburtstag der Oma. Oder, wie im Fall der Superhelden-Geschwister der Netflix-Serie Umbrella Academy: der drohende Weltuntergang. Der war schon in der ersten Staffel Anlass für eine Zusammenkunft der Familie Hargreeves. Auch in der Fortsetzung braucht es einen Grund apokalyptischen Ausmaßes, um ein Wiedersehen zu rechtfertigen.

Schuld am zerrütteten Familienverhältnis ist der Adoptivvater der sieben Kinder; um seine Intrigen und Geheimnisse dreht sich die erste Staffel. Die drohende Apokalypse wirkte da wie eine willkommene Familientherapie, das kollektive Trauma der Geschwister wurde aufgearbeitet.

Doch die Serie scheint all die erreichte Annäherung auf null gesetzt zu haben. Luther (Tom Hopper) beispielsweise, der Muskelprotz mit übernatürlicher Körperkraft, misstraut immer noch seiner Schwester Vanya (Ellen Page), die Schallwellen kontrollieren kann. Hinzu kommt eine schiefgegangene Zeitreise, durch die sich die Geschwister schon wieder aus den Augen verlieren. Einer der Superhelden kann nämlich das Raum-Zeit-Kontinuum kontrollieren und schickt seine Brüder und Schwestern zurück in die Sechziger, um der Apokalypse im Jahr 2019 zu entfliehen. Das ist gut gemeint, nur leider nicht förderlich für die zerbrechliche Geschwisterliebe: Zeitlich versetzt finden sich die Hargreeves - ein paar von ihnen im Jahr 1960, die anderen zwei Jahre später - in Dallas wieder.

Klingt repetitiv, auch die Apokalypse steht ja wieder auf dem Programm. Doch die Serie nutzt die Schablone der Sechzigerjahre so geschickt, dass man ihr die ähnliche Rahmenhandlung verzeiht. Mit knallbunten Tapeten, Oldtimern und Schlaghosen wird man bombardiert, mit skurrilen Figuren (ein Baby-Affe namens Pogo) oder mit politischen Reizthemen der damaligen Zeit: Paranoia vor kommunistischen Spionen, Rassismus und offen ausgelebte Homophobie. Kaum in der Vergangenheit angekommen, betritt Allison (Emmy Raver-Lampman) ein Diner, um dann als schwarze Person mit dem Schild "Nur Weiße" und den verblüfften Blicken der weißen Gäste konfrontiert zu werden.

Vanya (Ellen Page) findet ihr Glück abseits der eigenen Familie bei der verheirateten Sissy (Marin Ireland), die sich von ihrem patriarchalen Ehemann lösen muss.

(Foto: COURTESY OF NETFLIX/NETFLIX/COURTESY OF NETFLIX/NETFLIX)

Der eigentliche Reiz der Staffel aber liegt bei den Protagonisten, denn die führen zum ersten Mal ein Leben abseits des toxischen Vaters. Und was für spannende Leben das sind: Klaus (Robert Sheehan) ruft einen hippieartigen Kult ins Leben, Allison schließt sich einer Bürgerrechtsbewegung an, Vanya verliebt sich in eine Familienmutter. Für eine Serie, die in den Sechzigern spielt, erstaunlich aktuell und realitätsnah. Zeitreisen und Superkräfte hin oder her. Der Weltuntergang wird da zur Nebensache.

In der Retrospektive wirkt die erste Staffel nun wie ein Testgelände, ein Grundgerüst, das die Fortsetzung umso stabiler trägt. Die ist mutiger, politischer, origineller, diverser und funktioniert auch ohne wie auch immer geartete Familienverhältnisse. Die Figuren sind spannend genug, um ihre eigenen Wege zu beschreiten.

Umbrella Academy, bei Netflix.

© SZ

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