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Nachruf:Der Interpret

Norbert Gastell, der deutsche Synchronsprecher von Homer Simpson ist im Alter von 86 Jahren in München-Ramersdorf gestorben.

Woraus besteht Homer Simpson? Da sind seine gelbe Haut, seine drei Haare, der Bauch, die Glubschaugen - und: das, was er sagt. Sein Fluch "D'Oh!" (Deutsch:"Nein!") steht im Oxford Dictionary, ein jauchzendes "Juhu" verstehen Menschen unter 40 garantiert als Anspielung auf ihn. Und wer in nur drei Silben das Bild eines dümmlichen Hochstaplers zeichnen möchte, mag kurz an die Szene denken, als ein Navy-General Homer auf seinen Beruf als Nukleartechniker anspricht. Dieser antwortet mit erhobenem Zeigefinger: "Nukular. Das Wort heißt Nu-ku-lar."

Aktuelles Lexikon: Synchronstimme

Seit 2007 ist Robert Redford nicht mehr derselbe. Seit den Siebzigerjahren hatten seine deutschen Fans die Stimme von Rolf Schult gehört, wenn sie Redford auf der Leinwand sahen. Dann, 2007, befand jemand in Amerika, Schults Stimme sei zu tief. Die Deutschen mussten sich an einen neuen Synchronsprecher, an einen völlig neuen Redford gewöhnen. Als Ende der Zwanzigerjahre der Tonfilm den Stummfilm ablöste, begann man in Deutschland, Filme zu synchronisieren. In anderen Ländern, besonders im englischsprachigen Raum, hat man wenig Verständnis dafür, dass die Deutschen die schauspielerische Leistung anderer mit einer Tonspur überkleistern. Doch auch hier war das Synchronisieren anfangs umstritten; die Vossische Zeitung schrieb 1933 von der größten "Barbarei, die je systematisch und bewusst auf irgendeinem Kunstgebiet begangenen wurde". Heute sind synchronisierte Filme Alltag im Kino wie im Fernsehen. Und wer das nicht will, hat es dank diverser Internetportale inzwischen leicht, Filme und Serien im Original zu sehen. Schon in den Dreißigern witzelte man über Synchronisieren als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme - tatsächlich finanzieren heute viele Schauspieler ihr Leben mit Sprecherrollen, die sie manchmal berühmter machen als eigene Auftritte. Der nun verstorbene Norbert Gastell spielte 106 Folgen "Forsthaus Falkenau". In Erinnerung bleiben wird er als Homer Simpson. Katharina Riehl

Diese Zitate gehören zum kollektiven Gedächtnis der Popkultur - und man rezitiert sie genau so, wie Norbert Gastell sie erfunden hat. Er war die deutsche Stimme von Homer Simpson. Gastell war Schauspieler, war im Forsthaus Falkenau, hat Nebenrollen in Alf und Star Trek synchronisiert. Doch Homer, der dusselige Familienvater der erfolgreichsten Zeichentrickserie der Welt, war die Rolle seines Lebens.

Als Gastell den ewig 38-Jährigen zum ersten Mal sprach, war er 61. Zuletzt lieh er ihm vor einigen Wochen die Stimme, mit 86 Jahren. Seine Interpretation hat sich über die Jahrzehnte verändert: vom einfältigen Verlierer der Neunziger mit dem stets aufrichtigen und etwas traurigen Unterton hin zum latent verzweifelten Idioten, dessen Stimme bei jedem Wort bricht. Im Jahr 2013 starb die Amerikanerin Marcia Wallace, Sprecherin der Nebenrolle Edna Krabappel. Die Macher der Simpsons ließen die gesamte Figur mit ihr sterben, weil es ohne Wallace keine Krabappel geben konnte. In der deutschen Version ist Opa Simpson bereits mehrmals ersetzt worden, ebenso wie Marge, deren Sprecherin 2006 gestorben ist. Beides tat weh, aber nichts davon wiegt so schwer wie ein neuer Homer. Er verliert einen Teil seiner Identität. Wer immer Gastell als Sprecher folgt, wird einen anderen Homer darstellen. Der, den wir seit 25 Jahren kennen, ist vergangene Woche in München-Ramersdorf gestorben.

Nachruf Norbert Gastell

Norbert Gastell und Homer.

(Foto: Ursula Düren dpa)