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Nachlese:Endlich wieder ein "Tatort" mit vielen Toten

"Tatort" Bremen

Man kann sich denken, wie das endet: Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen) und BKA-Kollegin Linda Selb (Luise Wolfram).

(Foto: Radio Bremen/ARD Degeto/Svenja v)

Außerdem hat die Bremer Episode einen Krisenstabsleiter mit Tattoo - und mit Rückgrat.

Kolumne von Johanna Bruckner

Darum geht es:

Um den unbedingten Willen, die Welt ein Stückchen besser zu machen - notfalls, indem man selbst ein schlechter Mensch wird.

Öko-Terroristen halten die Bremer Polizei in der Episode "Der hundertste Affe" in Atem. Sie drohen mit Anschlägen auf die Wasserversorgung der Stadt, wenn nicht öffentlich wird, welche Schuld der Biotechnologiekonzern Sachs am Tod von 57 Afrikanern trägt. Die Kommissare Inga Lürsen und Nils Stedefreund kommen in mehrfacher Hinsicht ins Schwitzen: Der Hauptzeuge will nicht reden, die Politik mischt sich in ihren Fall ein, die Erpresser wissen bestens über den Stand der Ermittlungen Bescheid und die neue Kollegin vom BKA will keine Hände schütteln, aber mit Stedefreund ins Bett. Und dann ist da noch die Sommerhitze.

Hier lesen Sie die Rezension von SZ-Tatort-Kritiker Holger Gertz:

Bezeichnender Dialog:

Kommissarin Lürsen verhört den Wissenschaftler Dr. Urs Render, der für Sachs gearbeitet hat. Die Öko-Terroristen wollen erzwingen, dass Render seine Forschungsergebnisse öffentlich macht. Doch Render schweigt - auch im Verhör mit Kommissarin Lürsen.

Dr. Render: Die haben mich verpflichtet! Zur Verschwiegenheit, Sachs. Zehn Millionen - Sachs kann mich auf zehn Millionen verklagen, wenn ich über meine Forschungen rede.

Kommissarin Lürsen: Ist doch Quatsch! Damit käme Sachs nie durch, nicht in dieser Situation. Das verspreche ich Ihnen, das bekommen Sie schriftlich.

Dr. Render: Die haben alle Möglichkeiten - und keine Skrupel. Ich bin eben kein Held.

Kommissarin Lürsen: Trotzdem rufen Sie an, damit die (Lürsen meint die Öko-Terroristen, Anm. d. Red.) das Gefühl haben, wir kooperieren.

Dr. Render schüttelt vehement den Kopf.

Kommissarin Lürsen: Ich habe Ihre Weigerung hier auf Band. Und wenn es zur Katastrophe kommt, werde ich das der Presse zuspielen - und was glauben Sie, was die aus Ihnen machen? Ein Monster. Und Sie werden Ihres Lebens nicht mehr froh, weder hinter Gittern noch draußen!

Dr. Render (steht auf und fixiert die Kommissarin): Was ist so schlimm, wenn Menschen sterben? Weil es hier geschieht - und nicht weit weg? Weil die Menschen unschuldig sind?

Kommissarin Lürsen: Zum Beispiel.

Dr. Render: Es kann der Erde gar nichts Besseres passieren, als dass die Menschen aussterben. Fangen wir heute damit an.

Die besten Zuschauerkommentare:

Top:

Endlich mal ein Krimi, in dem den Drohungen von Kriminellen Konsequenzen folgen - es gibt viele Tote! Sogar ein kleines süßes Mädchen, das unschuldig im Plantschbecken badet, muss sterben. So viel Blutdurst würde man sich häufiger von Drehbuchschreibern wünschen. Denn seien wir mal ehrlich: Dramaturgisch gibt es nichts schlimmeres als Polizisten, die ihre Arbeit so gut machen, dass Verbrechen verhindert werden.

Flop:

Was tut der gemeine Tatort-Autor, wenn er ein bisschen Pep ins Protagonistenensemble bringen will? Gucken, wie das die Konkurrenz so macht. Dabei kommt man vielleicht auf die Idee, dass die Figur des autistisch anmutenden Genies totaaal viele Möglichkeiten bietet (siehe Monk, Dr. House, Die Brücke) - und schwupps ist die BKA-Spurenexpertin Linda Selb (Luise Wolfram) erfunden.

Der kann man sozialtölpelige Sätze ins Drehbuch schreiben: "Ich bin die Beste - wenn man mich in Ruhe lässt. Kann ich nicht so gut ertragen: Kollegen im Arbeitsumfeld." Man kann Eifersüchteleien zwischen der altgedienten Kommissarin (Lürsen) und der Neuen (Selb) inszenieren, bei denen es natürlich um den gemeinsamen Kollegen (Stedefreund) geht - und seinen höchst ansehnlichen Jeanspopo. Und das Ende der Episode schreibt sich quasi von selbst - siehe "Schlusspointe".

Szene mit Hybris:

Die Kommissare haben sich schon fast in den Feierabend verabschiedet, da werden sie aufgehalten. Die Öko-Terroristen haben Ernst gemacht und in einem Freibad eine Dusche manipuliert - eine Schwimmbadbesucherin ist tot. Den Ermittlern bleiben 13 Stunden, um Schlimmeres zu verhindern. Ernste Gesichter werden aufgesetzt, alarmistische Anrufe getätigt ("Ja, Brauer hier, Alarmsysteme in Gang setzen, bitte, BAO vorbereiten. Nein, PVP ruf' ich selber an!") - und natürlich braucht es jetzt die besten Leute: Lürsen und Stedefreund. Letzterer ist siegessicher: "Ich hab' nix Besseres vor - wir beide haben gerade echt 'nen Lauf."

Haben Sie natürlich nicht. Eine knappe Stunde später sind 17 Menschen tot.

Bester Auftritt:

Die Gastfiguren sind arg holzschnittartig geraten. Da sind neben der erwähnten Kollegenphobikerin Selb vom BKA ein Pharma-Hipster-Schnösel, der schon mal was von Wikileaks gehört hat, und Rocker, die Selbstjustiz üben.

Auch der Leiter des Krisenstabs hat ein Tattoo zu viel - und dazu einen Porno-Schnauzer. Die Bildsprache ist aber auch bestechend: Achtung, hier kommt ein echter Badass-Beamter! Andererseits schafft es Barnaby Metschurat, aus dem Krisenstabsleiter Lorentz einen Mann zu machen, bei dem man nie ganz sicher ist, ob er sich am Ende nicht doch in einem Agathie-Christie-gleichen Twist als kriminelles Mastermind entpuppt. Und Lorentz ist keiner dieser Klischee-Tatort-Chefs, die beim kleinsten Druck von politischer Seite vergessen, dass sie ein Rückgrat haben. Im Gegenteil. Da wird der anwesende Regierungsvertreter schon mal eiskalt des Raumes verwiesen: "Die entscheidenden Informationen werden Ihnen zugeleitet, Beschwerden auf dem Dienstweg."

Die Erkenntnis:

Sind wir nicht alle ein bisschen böse? Und sei es nur, weil wir manchmal zu bequem sind, hinzugucken.

Schlusspointe:

Am Ende fließt noch mal Blut. Und es gibt ein romantisches Happy End zwischen Kommissar Stedefreund und der BKA-Kollegin Selb. Eins von der kitschigen Sorte, zum Fremdschämen.

© SZ.de/doer/rus
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