"Neues Deutsches Fernsehen" beim Filmfest München:Wer braucht schon Krimis?

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Filmfest München - Neues Deutsches Fernsehen

Was hat ihn bloß so ruiniert? Das Coming-of-Age-Drama "Aus der Haut" beginnt mit dem Suizidversuch des 17-jährigen Milan (Merlin Rose).

(Foto: MDR/ORF)

Welche TV-Filme bald wichtig werden, sieht man beim Filmfest in München sehr gut. Aufgefallen ist in diesem Jahr ein kitschfreier Film über jugendliche Liebesnöte. Ein beliebtes Genre fehlt aber fast ganz.

Von David Denk

Darauf ein Glas Champagner. Oder besser gleich zwei. Als sich der eigene Sohn als schwul outet, ist das für Gustav (Johann von Bülow) eine Nachricht, die er sich erst schöntrinken muss. "Okay, das ist doch in Ordnung", sagt er und holt "zur Feier des Tages" die gute Flasche aus dem Kühlschrank. "Freut mich für dich, dass du das rausgefunden hast." Toleranz ist eine Selbstverständlichkeit - bis sie einem abverlangt wird. Auch Mutter Susann (Claudia Michelsen) spricht von Freude, ihr Gesichtsausdruck sagt etwas anderes. "Das Einzige, was ich schade finde", wird sie ihrem Mann anvertrauen, "ist, dass er wahrscheinlich nie Kinder haben wird."

Aus der Haut heißt der Film über das Coming-out des 17-jährigen Milan (Merlin Rose). Regisseur Stefan Schaller (Fünf Tage Leben) und Autor Jan Braren (Homevideo), Jahrgang 1982 respektive 1968, gelingt es darin, die Ambivalenz dieses Moments herauszuarbeiten, die Freude, ja Erlösung, endlich eine Erklärung für Milans merkwürdiges Verhalten gefunden zu haben einerseits und die Unsicherheit, um nicht zu sagen: der Schockmoment andererseits. Das macht Aus der Haut zu einem sehr aufrichtigen, unkitschigen Film über die Suche eines jungen Mannes nach seiner sexuellen Identität und über das Drama, das sich entspinnt, als er sie gefunden hat.

Die Ufa-Fiction-Produktion Aus der Haut ist einer von 18 Beiträgen, die in der Reihe "Neues Deutsches Fernsehen" derzeit auf dem Münchner Filmfest zu sehen sind. Durch einen zusätzlichen Festivaltag sind es drei Filme mehr als in den Vorjahren, die sich gegen gut 80 Konkurrenten um die Aufnahme ins Festivalprogramm durchgesetzt haben und damit für den Bernd-Burgemeister-Fernsehpreis nominiert sind. Die für Produzenten ausgelobte Auszeichnung ging in diesem Jahr an Ariane Krampe von Zeitsprung Media für den zweiteiligen Politthriller Der Fall Barschel.

Die Fernsehsektion des Festivals hat sich unter Leiterin und Kuratorin Ulrike Frick, im Amt seit 2006, zu einem Schaufenster in die kommende TV-Saison entwickelt: Wer wissen will, welche Filme wichtig werden, bekommt in München einen guten Überblick. Entsprechend habe der Druck von Sendern und Produzenten zugenommen, ins Festivalprogramm aufgenommen zu werden, sagt Frick: "Da muss man sich eine Teflon-Haut zulegen."

Anders als im Fernsehen laufen in München - zumindest in diesem Jahr - mit Schwarzach 23 und die Hand des Todes (Buch: Christian Jeltsch, Michael Comtesse; Regie: Matthias Tiefenbacher) und Zum Sterben zu früh (Buch und Regie: Lars Becker) nur zwei - ganz unterschiedliche - Krimis und kein einziger aus einer etablierten Reihe. Kuratorin Frick, die eine "möglichst bunte Mischung" anstrebt, hatte sich um Christian Petzolds Polizeiruf-Episode "Kreise" bemüht - vergeblich - und daraufhin beschlossen, aus der Not eine Tugend zu machen und auf der Deutschen liebstes TV-Genre weitestgehend zu verzichten - zumal sie darin "abgesehen von wenigen Aushängeschildern fürs Renommee" viel Durchschnittlichkeit ausmacht: "Der große Rest ist dafür da, eine stabile Einschaltquote zu gewährleisten."

Auch Frick will mit ihrer Reihe möglichst viele Zuschauer erreichen. Deswegen gibt es in diesem Jahr zum ersten Mal nach der von Filmteam und Branche dominierten Uraufführung eine zweite Vorstellung, "damit auch der interessierte Laie reingehen kann". Und, ja, gesteht Frick, auch Filme, die weniger ihr gefallen, aber einen großen Publikumszuspruch garantieren wie das Biopic Luis Trenker - Der schmale Grat der Wahrheit mit Tobias Moretti in der Titelrolle und Brigitte Hobmeier als Leni Riefenstahl (Buch: Peter Probst; Regie: Wolfgang Murnberger): "Damit könnten wir den Saal fünfmal vollkriegen."

Nach dem Erfolg des Cybermobbingdramas Homevideo, das sogar an Schulen gezeigt wird, hat auch Aus der Haut das Zeug zum Klassiker und Unterrichtsstoff. So unverkrampft reden die wenigsten Lehrer über Liebe, Triebe und Homosexualität. Und so schonungslos erzählen nur wenige TV-Filme von den Nöten Jugendlicher: Milan verliebt sich in seinen besten Freund Christoph (Leonard Proxauf), der ihn zurückweist. Die Scham ist so groß, dass Milan sich Mut antrinkt und den Youngtimer seines Vaters aus der Garage holt.

Genau wie Homevideo-Hauptdarsteller Jonas Nay ist auch Merlin Rose in Aus der Haut eine echte Entdeckung: Der 22-Jährige, in diesem Jahr schon in Andreas Dresens Clemens-Meyer-Verfilmung Als wir träumten zu sehen gewesen, berührt mit Virilität und Verletzlichkeit, Ängstlichkeit und Begehren, Naivität und Aggression.

Doch nicht nur die Gefühlswelt des Betroffenen beleuchtet Aus der Haut, auch die der Eltern, auf die sich Merlins Überforderung überträgt. Die Ungewissheit, was mit ihrem Sohn los ist, legt Risse in ihrer scheinbar harmonischen Beziehung frei. Beide gefährden ihre Ehe mit Ego-Trips und belegen, dass in einer schönen Wohnung nicht unbedingt glückliche Menschen leben. Diese Familie ist so wenig perfekt wie alle anderen. Aber man gibt sich Mühe - meistens zumindest. Und das ist doch mal eine Nachricht, die man sich nicht erst schöntrinken muss.

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