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Moderatorin Sabine Heinrich:Noch lange nicht angekommen

Danach hagelte es Angebote. Viele wollten die Frau mit der sehr auffälligen Zahnlücke haben. Man kann schließlich nicht alles von den bekannten Nasen wegmoderieren lassen. Oft sagte sie ja, wenn jemand fragte, ob sie sich einen neuen Job zutraue. "Kann ich nicht, aber kann ich ja lernen", sagt sie gerne. Das war schon immer ihr Motto, schon als sie im Westfälischen, wo sie geboren wurde, zu einem Lokalblatt marschierte und fragte, ob sie nicht mal was schreiben dürfe. Die Motivation war einigermaßen dürftig. Eigentlich wollte sie es nur ihrem damaligen Freund zeigen, der sie viel zu oft allein ließ, um als Lokalreporter zu arbeiten. Der Freund war irgendwann Geschichte, das mit dem Journalismus ist geblieben. Es zog sie zum Privatradio, von dort ging es dann 2001 zu 1Live.

"Ich möchte unerschrocken bleiben", sagt die ewige Hoffnung, die sich gerade für einen Fernsehjob lang macht. Sie liegt ausgestreckt im Mittelkreis des größten Kölner Fußballstadions, dort, wo samstags der FC seine Rückkehr in die Erste Liga startet. Sie redet in den blauen Himmel hinein. Mittendrin hebt sie den Oberkörper und breitet die Arme aus, als wolle sie die Welt umarmen. Dann deutet sie auf die Ränge des Stadions, dorthin, wo es gleich weitergeht. Dort soll sie Wolfgang Niedecken interviewen. Der wird etwas erzählen über seine Beziehung zum Kölner Reggaestar Gentleman. Ein Einspieler für die Sendung Zimmer frei soll daraus werden.

Frau Heinrich macht viel, aber man wird das Gefühl nicht los, dass sie mehr Suchende als Findende ist, dass sie noch lange nicht angekommen ist. Nur ihren Radiosender, der sie schon ein Dutzend Jahre tun lässt, was sie am besten kann, nimmt sie aus. " 1Live hat Priorität. Alles andere wird drum rum gebaut", sagt sie. Manchmal wird sie gefragt, was als nächstes kommt, ob sie das noch lange macht, so als 36-Jährige beim jungen Sender. Sie empfindet solche Fragen als Frechheit, so als bastele da jemand zu ihren Lebzeiten am Nachruf. "Ich bin doch noch da", sagt sie dann, aber echte Empörung sieht anders aus. Frau Heinrich kann nicht böse sein.

"Ich möchte nicht ein Gesicht sein"

Neben dem Radio hat sie studiert, aber ihre fertige Abschlussarbeit in Politikwissenschaften hat sie noch nicht abgegeben. Hat sich nie ergeben. Passt irgendwie. Frau Heinrich ist keine, die sich vordrängt, den Finger hebt, an Hierarchentüren klopft. "Dieses 'Entschuldigung, ich würde gern mal', das kann ich nicht", sagt sie. Nach jeder fertigen Sendung setzt sie all ihre Erwartungen auf null. "Es ist zu Ende, wenn es zu Ende ist. Danach fange ich neu an."

Im Februar erscheint ihr erstes Buch. Ein renommierter Verlag hat gefragt, ob sie Lust hat. "Sehnsucht ist ein Notfall" heißt das Debüt, was nach typischem Frauenbuch klingt und ein bisschen wohl auch sein wird. Im Buch geht es um eine 79-jährige Großmutter, die Knall auf Fall den Großvater verlässt und so der Enkelin, einer Mittdreißigerin zeigt, wie man Entscheidungen fällt. Ein wenig Biografie ist drin. "Aber nur am Anfang", sagt die Autorin.

Die Frage, ob ihre Zahnlücke ihr womöglich im Fernsehgeschäft hinderlich ist, kontert sie mit ungewohnter Schärfe. "Wenn ihr perfekte Mädchen wollt, müsst ihr die anderen Sender einschalten. Ich bin nicht perfekt." Dann gibt es noch einen obendrauf. "Ich möchte nicht ein Gesicht sein. Ich möchte mitreden."

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