Michael Naumann zum 70. Pionier der Zukunftsgesellschaft

Er ist ein brillanter Schreiber, einer der besten Redner des Landes und ein großer Anreger: Michael Naumann. Autor beim "Spiegel", Chefredakteur bei der "Zeit", Chef bei Rowohlt und Kulturstaatsminister unter Gerhard Schröder sind nur einige seiner bedeutensten Statio. An diesem Donnerstag wird Michael Naumann 70.

Von Evelyn Roll

Sogar streiten kann man mit ihm schöner als mit den anderen. Immer Florett, immer gescheit, elegant, selbstbewusst und witzig, das ist ihm gelegentlich sogar noch wichtiger als Rechthaben, obwohl er selbstverständlich auch Polemik kann und einen guten Anwalt kennt.

Von 1999 bis 2000 war Michael Naumanns Zeit für das Geschichtsbuch, da war er Gerhard Schröders erster Kulturstaatsminister und rasch "Kulturstaatsdjango".

(Foto: dpa)

Er ist ein brillanter Schreiber, einer der besten Redner des Landes und ein großer Anreger. Wenn Michael Naumann kommt, geht die Langeweile. Er entert Redaktionskonferenzen, Kabinettssitzungen und die Paris Bar ohne die bei den Mainstream-Nachbetern üblichen Floskeln, dafür immer mit einer steilen These oder Behauptung, die sofort Widerspruch in Gang setzt, Denken also. An diesem Donnerstag wird Michael Naumann, der derzeit Chefredakteur des Magazins Cicero ist, 70, - glaubt man auch eher gar nicht, wenn man ihn sieht.

Seine Kindheit endete abrupt im März 1953 mit der Flucht aus der DDR. Seinen ersten Zeitungsartikel schrieb er in einem Blatt namens Common Sense, das er 1964 an der Universität München selbst produzierte und von dem nur eine Ausgabe entstand, weil der Verwaltungsdirektor den Verkauf auf dem Gelände der Uni verbot.

Dann: Studentischer Hochschulbund, Schwabinger Krawalle, Redakteur beim Merkur, beim Spiegel, bei der Zeit, für die er das Magazin mit erfand, Promotion, Amerika, Habilitation, erfolgreicher und geliebter Chef bei Rowohlt, Menschen- und Autorenfischer in New York als Leiter des Verlags Henry Holt. Ein Pionier der Zukunftsgesellschaft, der Begabungen und Ehrgeiz eines Lebens nicht nur in einer Karriere verausgabt, sondern vielen Rufen, Berufen und Berufungen nachgeht.

Von 1999 bis 2000, das zumindest ist Naumanns Zeit für das Geschichtsbuch, war er dann Gerhard Schröders erster Kulturstaatsminister, eigentlich nur ein gehobener Staatssekretär, aber dann doch sofort "Kulturstaatsdjango", wie diese Zeitung schrieb, mit "brillanter Anschubhysterisierung" (FAZ). Die zwei Jahre waren kurz, aber im ersten Orientierungstaumel der Berliner Republik um so wirkungsmächtiger.

Er ist dann zurück zur Zeit als Herausgeber und Chefredakteur. Nebenbei (oder zwischendrin?) war er: Talkshow-Moderator, Mitherausgeber vom Kursbuch und der Reihe "Andere Bibliothek" und beinahe Bürgermeister in Hamburg. Jetzt also Cicero. Wenn er gesund bleibt, was wir ihm und uns wünschen, wird er - sehr viel später - vielleicht auch noch die Autobiografie schreiben, deren Titel schon steht: "Ich wollte eigentlich die Welt umsegeln".

Oder: Er macht einfach auch das noch.