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"Lindenstraße" fällt zum ersten Mal aus:Geopfert für Olympia

Verschoben wurde sie ja schon, doch das gab es noch nie: Zum ersten Mal seit 27 Jahren wird die "Lindenstraße" an diesem Sonntag ausfallen. Wegen Olympia! Der lasche Trost: Eine Internet-Doku-Soap zur Serie, die mehr einem Homevideo gleicht.

Katharina Riehl

Von Köln aus betrachtet ist München ein muffig aussehendes Mietshaus. In den Fluren der Lindenstraße Nr. 3 verhandeln die Familien Beimer, Dressler und Zenker seit bis zu 27 Jahren über mehr oder weniger mühevoll in den Handlungszusammenhang der Lindenstraße gepresste großpolitische Themen, aktuelle Wahlergebnisse etwa. München aber hat sich seit 1985 nicht verändert. München ist vom WDR in Köln aus betrachtet die tiefste Provinz.

´Lindenstraße" fällt erstmals aus

Zum ersten Mal in fast 27 Jahren fällt die "Lindenstraße" aus. Stattdessen gehen die Schauspieler in Straßen, in denen Zuschauer wohnen.

(Foto: dpa)

Die ARD hat in den vergangenen Jahrzehnten ziemlich schmerzfrei Wahl- oder sonst wie ereignisreiche TV-Abende unterbrochen, damit kurz vor sieben keiner umsonst auf die Lindenstraße warten musste; manchmal wurde sie verschoben. An diesem Sonntag aber fällt die Lindenstraße aus. Zum ersten Mal! Wegen Olympia! Die Meldung schaffte es bis in die Nachrichtenagenturen, wo sich ein Sendersprecher für die Entscheidung rechtfertigen musste: Man sei es den Sportfans schuldig.

Die Entscheidung für den ersten lindenstraßenfreien Sonntag dürfte in München gefallen sein und nicht in Köln, denn im Süden sitzt die Programmdirektion des Ersten. Der WDR hat nun einen Weg gefunden, seine Fans über den einmaligen Verlust hinwegzutrösten: Für den quasi sinnentleerten Sonntagabend wurde eine sogenannte (und so geschriebene) DokuSoap erfunden, die im Internet und auf dem Digitalsender Eins Festival zu sehen ist. Das Werk trägt den Titel Hol mich nach Haus und, ja, holt die Lindenstraße nach Hause. Schauspieler fahren ins Saarland, in den Westerwald und nach Ostfriesland, wo sie von so viel Volksnähe restlos begeisterte Zuschauer treffen, die mit ihnen Kaffee trinken, Ballett tanzen und in Seen nach Kloschüsseln angeln.

Eine Doku Soap im Sinne des Privatfernsehens ist die Lindenstraßen-Landpartie natürlich nicht, schon allein weil diesen Sendungen ja der Anspruch innewohnt, dass irgendetwas zumindest halbwegs Skandalöses passiert. Hier passiert gar nichts. Aber das Wortspiel mit der Seifenoper ist natürlich ganz großartig.

Interessant ist Hol mich nach Haus nur insofern, als das Projekt das ein oder andere über die ARD verrät. Darüber etwa, wofür man diese unendlich vielen Digitalkanäle so brauchen kann: zum Beispiel für überflüssige Sendungen mit der Dramaturgie eines ordentlich geschnittenen Homevideos, bei denen man sich fragt, ob die besuchten Zuschauer sich ohne Kamera nicht vielleicht genauso über das Zusammentreffen gefreut hätten. Und ein bisschen was verrät sie auch über den Westdeutschen Rundfunk: Provinziell ist vom WDR aus gesehen nicht nur die Stadt München

Hol mich nach Haus - Die Lindenstraße-DokuSoap, Sonntag, 29. Juli 2012, von 18.50 Uhr an auf www.lindenstrasse.de und um 23.15 Uhr bei Eins Festival

© SZ vom 28.07.2012/mika
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