Studie zu Hass im Netz Je mehr Moderation, desto friedlicher

Ironie und Zynismus helfe als Replik auf Hass wenig, so die Macher der Studie.

(Foto: dpa)
  • Eine Untersuchung der Universität Bremen und der Hamburg Media School geht der Frage nach, wie Redaktionen mit Hasskommentaren im Netz umgehen sollen.
  • Ergänzend zu bestehenden Leitsätzen haben die Macher praktisch getestet, welche Methoden sinnvoll sein können.
  • Zentrales Ergebnis: Ohne Moderation ist keine friedliche Debatte möglich.
Von Hans Hoff

Was passiert eigentlich mit jenen Menschen in Redaktionen, die tagtäglich in vorderster Linie dem Hass im Netz begegnen? Was passiert mit Redakteuren, die für Kommentare zuständig sind und sich ausgeliefert sehen einer Flut von Missgunst, Verschwörungstheorien und falschen Argumenten?

Im schlimmsten Fall handeln sie sich ein Trauma ein, weil niemand, der dauernd in Jauche baden muss, den zugehörigen Geruch jemals vergessen wird. Hilfsangebote gibt es für Betroffene zu selten. Zu diesem Ergebnis kommen Leif Kramp von der Universität Bremen und Stephan Weichert von der Hamburg Media School in ihrer Studie "Hasskommentare im Netz. Steuerungsstrategien für Redaktionen", die sie am Dienstag in Berlin vorstellen.

Die Wissenschaftler haben dafür in vier Redaktionen (Tagesschau.de, RP Online, Deutschlandfunk Kultur, RTL aktuell) 24 Online-Diskussionen zu 16 einschlägigen journalistischen Beiträgen analysiert und dazu eine Typologie der Diskursverläufe erstellt, die zeigt, wie Debatten typischerweise verlaufen. Dazu liefern sie Redaktionen zehn Leitpunkte, mit denen sich das Geschehen in den Kommentarbereichen im besten Fall wieder halbwegs zivilisieren lässt.

Bislang wird nach Ansicht der Autoren eindeutig zu wenig getan, um die Prozesse in den Kommentarbereichen in freundliche, konstruktivere Bahnen zu lenken. Es finde kaum Moderation durch die Redaktionen statt, bemängeln die Autoren der Studie. Das führe dazu, dass Redaktionen nur wenig Einfluss auf den Verlauf der öffentlichen Diskurse zu ihren Nachrichtenangeboten ausüben.

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Finanziert wurde die Studie von Google Deutschland und der Düsseldorfer Landesanstalt für Medien (LfM). Deren Direktor Tobias Schmid sieht in der Arbeit auch einen Appell an die Medienhäuser. Die seien aufgefordert, aktiv zu werden. "Wir wollen versuchen, den Redaktionen etwas Konkretes an die Hand zu geben", sagt er und verweist auf den wohl wichtigsten Punkt des 32-Seiten-Papiers.

Bei entschiedener Moderation gibt es laut Studie sofort einen reduzierenden Effekt

Bei entschiedener Moderation der Kommentare gebe es sofort einen reduzierenden Effekt, sagt er mit Blick auf jene laute Minderheit, die am lautesten Krach zu schlagen versteht und die schweigende Mehrheit oftmals einschüchtert. Im Ergebnis müsse man sich, wenn man an dieser Stelle nur ein wenig mehr investiere, seltener über so genannte Trolle ärgern. "Das Ziel, die zu isolieren, ist es wert."

Nun gibt es längst andere Leitfäden, auf die in der Studie sauber verlinkt wird und auf deren Ergebnisse aufgebaut wurde. "Das Ergänzende ist, dass wir praktisch getestet haben, was einen positiven Effekt hat", erklärt Schmid und verweist auf die zehn Leitpunkte, wo neben "Entschieden moderieren" und "Gegenrede stärken" auch steht, dass Ironie und Zynismus als Replik selten bis überhaupt nicht Wirkung zeigen. Warum ausgerechnet Google als Mitfinanzierer engagiert ist, hat laut Schmid einen einfachen Grund. "Wir haben sie gefragt", sagt er und betont, wie wichtig es sei, auch Industriepartner einzubinden. Zudem sei eine klare Bedingung gewesen, dass es keine inhaltliche Einmischung durch Google geben dürfe. "Daran haben sie sich gehalten."

Man kann all das getrost als Signal sehen, dass nun ein anderer Wind durchs Haus der Düsseldorfer Medienwächter weht. Direktor Schmid, der vorher für RTL und den Verband der Privatsender in die Bresche gesprungen ist, will seine Anstalt öffnen. "Es ist ein Signal, weil ich finde, dass wir mit allen reden müssen." Wenngleich Skepsis gegenüber solchen Unternehmen weiterhin angebracht sei.

Mit Google kooperiert der LfM-Direktor auch bei einem eng mit der Hasskommentar-Studie verzahnten Projekt. Für die Aktion "Verfolgen statt nur Löschen", auf die auch in der Studie verwiesen wird, ist zusätzlich Facebook mitbeteiligt. Schmid sieht Google und Facebook als wichtige Partner an bei der Verfolgung von strafbaren Inhalten in Kommentaren. Zwar seien beide nicht finanziell involviert, aber auf der Arbeitsebene verbunden. Das brauche man, wenn man sich entscheide, nicht nur moderierend einzugreifen. "Das einfache Löschen reicht nicht, weil die Täter oft nicht verstehen, warum gelöscht wird", sagt Schmid. Man müsse exemplarisch gegen solche Fälle vorgehen, damit die öffentliche Wahrnehmung sich ändere. "Viele Medienunternehmen haben bisher meist nur gelöscht."

In Köln gibt es ein vereinfachtes Verfahren, um die Verfasser von Hetzkommentaren anzuzeigen

Für die Aktion haben sich Anfang des Jahres RTL, der WDR und die Rheinische Post mit der LfM und der Kölner Staatsanwaltschaft zusammengetan. Seitdem gibt es ein vereinfachtes Verfahren, mit dem Redaktionen Kommentare, bei denen sie den Verdacht der Strafbarkeit haben, der Verfolgungsbehörde melden können.

Bis Anfang Juni sind dort 130 Hinweise eingegangen, aus denen die Staatsanwaltschaft etwa 30 Fälle herausgefiltert hat, bei denen sie einen Anfangsverdacht sieht, erste Hausdurchsuchungen waren die Folge. Seit Anfang des Monats sind laut Organisatoren noch 50 weitere Hinweise hinzugekommen. "Wir arbeiten an einer Lösung, wie wir diesen Kreis erweitern können", sagt LfM-Direktor Schmid. "Wir sind gerne bereit, dieses Projekt auch in andere Bundesländer zu exportieren."

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