Krise beim "Spiegel" Keine Stilfrage, sondern Machtgebaren

Bei der improvisierten Redaktionsversammlung schien es aber weniger um inhaltliche Kritik an Büchners 3.0-Strategie zu gehen. Die Mehrheit der Ressortchefs findet es vernünftig, wie Print und Online verzahnt werden sollen. Die Art und Weise, wie Büchner agiert, stößt jedoch intern auf Empörung. Es wird weniger als Stilfrage empfunden, sondern als Machtgebaren. Was Büchner vorlegt, ist ein Plan mit zwei Zielen: Es geht um die digitale Zukunft - und um klare Verhältnisse. Der Spiegel plant ein neues Bezahl-Konzept im Netz. Da ergibt es Sinn, Ressortspitzen zu schaffen, die für alle Kanäle und Inhalte zuständig sind.

Büchners Kampfansage an die Kritiker

Gleichzeitig muss Büchner, dem von wichtigen Ressortchefs viel Widerstand entgegenschlägt, bewusst gewesen sein, wie der Plan verstanden wird, verstanden werden muss, und vermutlich auch verstanden werden soll: als Kampfansage an seine Kritiker, als finale Machtprobe. Büchner war umstritten, spätestens seitdem er den Bild-Mann Nikolaus Blome gegen Widerstände in die Chefredaktion holte. Die Stimmung blieb danach unentspannt.

Der Spiegel Einer für alles
"Spiegel"-Chefredakteur Wolfgang Büchner

Einer für alles

Vor dem neuen "Spiegel"-Chefredakteur Wolfgang Büchner liegt ein schwieriges Projekt. Er soll die Redaktionen von Print und Online zusammenführen. Als Anpacker mit großem Interesse für digitale Trends ist er bekannt, als Blattmacher weniger.   Von Johannes Boie, Caspar Busse und Claudia Fromme

Im Juli sprach eine Delegation aus drei Ressortleitern bei Saffe in Sachen Büchner vor. Es soll um die Bitte gegangen sein, einen Dialog über die Digitalstrategie in Gang zu setzen. Auch wünschten sich die Ressortleiter angeblich mehr Gespräche über den bevorstehenden Wechsel des Erscheinungstages des Spiegel von Montag auf Samstag und über Titelstorys. Im Grunde ist der Spiegel in Aufruhr, seitdem Saffe im Frühjahr 2013 Büchners Vorgänger, die beiden Chefredakteure Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron, vor die Tür setzte. Beiden war nicht gelungen, was auch danach nicht gelang: die halbwegs harmonische Zusammenführung von Print und Online.

Büchner risikiert alles

Der gedruckte Spiegel hat unter Rudolf Augstein die Pressefreiheit in Deutschland verteidigt. Spiegel Online erkannte und nutzte als erster Online-Ableger eines Qualitätsmediums die digitalen Möglichkeiten. Beide Kinder des Hauses Spiegel sind selbstbewusst - auch wenn die Onliner deutlich schlechter bezahlt werden und keine Mitglieder der KG sind. Es spricht vielleicht für sich, dass das Konzept, das beide nun in einem Bezahl-Modell verzahnen soll, intern unter dem Arbeitstitel "Eisberg" läuft. Büchner war einst Chef der Agentur dpa und stand an der Spitze von Spiegel Online. Er ist der Mann, der all das Neue durchsetzen soll. Aber das meiste, was man zuletzt über ihn hörte, betraf seinen schwankenden Rückhalt in der Redaktion.