Kommissarin für Dortmund-Tatort Unter Männern

Sie ist ein Mensch, der seine Frustrationsgrenzen erkennt. Die Zuschauer dürfen also gespannt sein, wenn Anna Schudt als Martina Bönisch im neuen Dortmund-"Tatort" ab März ermitteln wird. Am Münchner Residenztheater konnte es ihr gelingen, dass die Männer auf der Bühne nur um sie herum zu agieren schienen, doch nun wird sie ihre Rolle einem Mann unterordnen.

Von Katharina Riehl

Das Baby hat gute Laune, aber es gibt ja auch Kekse. Anna Schudt hat Tee dazu gekocht, für sich und für ihren Besuch, sie trinkt ihn mal im Stehen, mal im Sitzen, auf dem Arm immer das Kind, ein paar Monate alt ist es erst. Manchmal, vor allem später, als die Laune schlechter wird, geht Anna Schudt in der Altbauküche auf und ab. Um sie herum herrscht das moderate Chaos einer Kleinfamilie. Man muss das wissen, um zu verstehen, was Anna Schudt beim Auf- und Ablaufen erzählen wird.

Das Fernsehen bedeutet für viele Theaterschauspieler den Zugang zum ganz großen Publikum, zu gutem Einkommen, denn die national bedeutenden Bühnen machen heute kaum noch einen zum Star.

(Foto: dpa)

Anna Schudt, 37 Jahre alt, ist in den vergangenen knapp 20 Jahren eine der großen Münchner Theaterschauspielerinnen gewesen. Dieter Dorn holte sie 1994 an die Kammerspiele, später ging sie mit ihm ans Residenztheater, spielte an beiden Häusern in zahlreichen Produktionen, die Luise in Kabale und Liebe, die Titelrolle in Maria Stuart, wofür sie mit dem Kurt-Meisel-Preis ausgezeichnet wurde. "Ich hätte alle klassischen Heldinnen, die ich gelesen und gesehen habe, gerne gespielt", sagt sie. "Ich wollte immer alles spielen." Nur das, was sie heute spielt, das wollte sie nicht.

Das Fernsehen, die Kamera, sagt Anna Schudt, habe sie damals nicht interessiert, sie sei für das Theater auf die Schauspielschule gegangen. Sie begann zu drehen, als es für ihr Familienleben sinnvoll wurde, als ihr älterer Sohn in die Schule kam und sie nicht mehr jedes Wochenende, alle Ferien und Feiertage dem Theater zur Verfügung stehen wollte. So sagt sie das, aber sie fügt natürlich schnell hinzu, dass sie es dann schon auch richtig spannend gefunden habe.

So oder so scheint es Anna Schudt nicht sonderlich zu beeindrucken, dass sie gerade dabei ist, in die erste Reihe des öffentlich-rechtlichen, des deutschen Fernsehens aufzurücken.

Anfang März beginnen die Dreharbeiten zum ersten Dortmunder Tatort, in der neuen Variante des föderal organisierten ARD-Krimis wird sie zweimal im Jahr an der Seite von Jörg Hartmann ermitteln; parallel dreht sie für das ZDF eine Krimi-Reihe, Mordshunger heißt die, es geht um eine Miss-Marple-hafte Köchin.

Anna Schudt sagt, diese Reihen seien für sie unter anderem großartig, weil sie in Düsseldorf leben könne, bei ihrer Familie - ihr Mann arbeitet dort am Schauspielhaus.

Früher wollte sie alles, heute nennt sie Erfolg äußerlich

Wer Anna Schudt in den Kammerspielen, am Residenztheater erlebt hat, wo es ihr gelingen konnte, dass die Männer auf der Bühne nur um sie herum zu agieren schienen, der mag das, was sie da sagt, ein wenig defätistisch finden. Vielleicht aber hat Anna Schudt auch einfach einen lebensnahen Umgang gefunden mit sich und ihren Ambitionen. Sie sagt, sie habe gar nicht mehr, "diese sogenannten großen Ziele". Früher, da habe sie das alles gewollt: nach Venedig, nach Cannes.

"Extreme Äußerlichkeiten" nennt sie das jetzt, inzwischen finde sie andere Dinge wichtig. Sagen Frauen so etwas auch, wenn sie merken, wie schwer Kind und Karriere vereinbar sind? Vielleicht, an diesem Wintertag in der Altbauküche wirkt sie aber ziemlich zufrieden.

Das Fernsehen bedeutet für viele Theaterschauspieler den Zugang zum ganz großen Publikum, zu gutem Einkommen, denn die national bedeutenden Bühnen machen heute kaum noch einen zum Star. Für Anna Schudt aber, das ist klar, ist es immer mehr um die Bühne gegangen. Sie sagt, beim Film streiche man am Ende des Tages den gelernten Text aus dem Kopf und die Rolle verändere sich im Schnitt. "Man gibt es ein bisschen aus der Hand. Im Theater weiß ich einfach, warum ich etwas wie mache, und wie es sich anfühlt. Das weiß ich beim Film nicht."

In den Fernsehrollen, die sie bisher hatte, ist sie trotzdem immer aufgefallen: die hellen blonden Haare, die leicht gen Himmel gebogene Nase, der Blick, der ohne großen erkennbaren Aufwand zwischen Trotz, Schlafzimmer und ziemlich tiefgekühlter Boshaftigkeit abwechseln kann. Schon bevor sie jetzt die Rolle der Martina Bönisch im Dortmunder Tatort übernahm, war Anna Schudt vor allem in vielen Fernsehkrimis zu sehen - auch im Tatort, im Polizeiruf, in Lars Beckers Reihe Nachtschicht.

Und dann auch noch der Oberzyniker

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