"Hart aber fair":Die Lauterbach-Inzidenz

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"Hart aber fair": Irgendwann wird man eine Lauterbach-Corona-Talkshow-Inzidenz errechnen, Auftritte pro 100 000 Talkshows in den vergangenen sieben Jahren.

Irgendwann wird man eine Lauterbach-Corona-Talkshow-Inzidenz errechnen, Auftritte pro 100 000 Talkshows in den vergangenen sieben Jahren.

(Foto: © Thomas Ernst / WDR; WDR/Thomas Ernst/© Thomas Ernst / WDR)

Freiheit durch Pflicht? Beim Thema Impfen hätte es so spannend werden können. Aber leider blieb zu wenig Zeit - der Gesundheitsminister musste mal wieder die Corona-Welt erklären.

Von Josef Kelnberger

"Dünnhäutig" seien die Deutschen geworden nach zwei Jahren Pandemie, sagt die Hausärztin Anke Richter-Scheer. Sie selbst wurde gerade schwer erschüttert vom Schicksal eines jungen Kollegen: zweimal geimpft, über Weihnachten an Corona erkrankt, vergangene Woche beerdigt. Das sei eigentlich ein Argument gegen die Impfpflicht, doppelt geimpft und doch gestorben, hakt Moderator Frank Plasberg nach, hart aber fair. Langsam nimmt die Sendung Fahrt auf.

Die Ärztin, kurz irritiert, erwidert, der Tod des Kollegen sei vielmehr ein Argument, mit den Drittimpfungen Tempo zu machen. Sie plädiert ausdrücklich für eine Impfpflicht. Die sei das Mittel, um nach zwei Jahren Pandemie alte Freiheiten zurückzugewinnen. Freiheit durch Pflicht: Endlich, denkt man als Zuschauer, endlich hat diese Sendung zu sich gefunden, zum Thema Impfpflicht mit all ihren Widersprüchlichkeiten. Aber da ist "Hart aber fair" auch schon wieder vorbei, und Frank Plasberg behauptet zum Abschied, das sei gar nicht schlimm. Seine Sendung werde sich kommende Woche ganz dem Thema widmen.

Wie bitte, nächste Woche? Dünnhäutig geworden nach zwei Jahren Pandemie, würde man doch gerne wissen, warum das nicht diese Woche schon zu machen war: eine ausgeruhte Sendung zum Thema Impfpflicht statt dem tausendsten Streifzug quer durch die Corona-Welt mit Karl Lauterbach in der Hauptrolle und der Impfpflicht als Anhängsel zum Schluss.

Statistikfreunde haben errechnet, dass in den großen Polit-Talkshows von ARD und ZDF vergangenes Jahr niemand öfter zu Gast war als der SPD-Politiker Lauterbach. Irgendwann wird man eine Lauterbach-Corona-Talkshow-Inzidenz (LCTI) errechnen, Auftritte pro 100 000 Talkshows in den vergangenen sieben Jahren. In einer repräsentativen Umfrage wünschte sich die Mehrheit der Deutschen zuletzt, Lauterbach möge sich als Gesundheitsminister rarer machen in Talkshows. Aber da sitzt er nun schon wieder bei "Hart aber fair", Karl Lauterbach, um keine Antwort und keine Studie verlegen.

Wenig überraschend lehnt er es ab, die Pandemie jetzt "laufen zu lassen", wie es die Briten offensichtlich tun. Unverantwortlich angesichts der geringen deutschen Impfquote, sagt Lauterbach. Die Welt-Journalistin Claudia Kade will über die Verheerungen reden, die die harten deutschen Corona-Regeln bei Kindern angerichtet haben. Lauterbach kennt keine Studie, die belegen würde, dass in anderen Ländern Kinder weniger leiden. Antonie Rietzschel, die für die SZ aus Leipzig berichtet, schildert aus eigenem Erleben die Unversöhnlichkeit von Corona-Leugnern im deutschen Osten. Karl Lauterbach sagt, er werde sich "nicht erpressen lassen" von solchen Menschen.

Die Frage, die man von Karl Lauterbach und den anderen Gästen an diesem Abend wirklich diskutiert haben möchte, ist: Warum schaffen es SPD-Kanzler Scholz und sein Gesundheitsminister nicht, in der für Deutschland so entscheidenden Frage der Impfpflicht einen eigenen Regierungsvorschlag auf den Tisch zu legen? Der CDU-Abgeordnete Thorsten Frei hat sie als Studiogast formuliert. Karl Lauterbach erwidert, dies sei keine Sache für Parteipolitik. Warum eigentlich nicht? Man würde es wirklich gerne wissen. Aber auch dafür bleibt an diesem Abend keine Zeit. Nächste Woche vielleicht.

"Hart aber fair": Josef Kelnberger arbeitet seit Sommer 2021 für die SZ als Korrespondent in Brüssel. Seine Lieblingssendungen dort sind flämische Talkshows: Er versteht kein Wort, fühlt sich aber gut unterhalten. Mit deutschen Talkshows geht es ihm leider oft umgekehrt.

Josef Kelnberger arbeitet seit Sommer 2021 für die SZ als Korrespondent in Brüssel. Seine Lieblingssendungen dort sind flämische Talkshows: Er versteht kein Wort, fühlt sich aber gut unterhalten. Mit deutschen Talkshows geht es ihm leider oft umgekehrt.

(Foto: Bernd Schifferdecker)
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