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Zum Tod von Karl Dall:Beckett für Deutsche

Karl Dall Fototermin zu Der Opa im Admiralspalast, Berlin Foto:xC.xBehringx/xFuturexImage

Der Komiker und Schauspieler Karl Dall ist tot. Er starb im Alter von 79 Jahren.

(Foto: imago images/Future Image)

Wie bringt man das Lachen in ein legendär humorloses Land? Zum Tode von Karl Dall.

Nachruf von Willi Winkler

Kurz vor dem Ende der Beatles tauchte 1967 ein ganz anderes Quartett auf: Insterburg & Co. Während die vier aus Liverpool mit Engelszungen sangen, entschieden sich die zauselhaarigen Insterburger für das Gegenprogramm, für den radikalen Blödsinn: "Zu uns sprach Herbert Wehner:/Nur Engel singen schöner." Das war zwar nicht ganz die Tonlage von Rilke, aber als Reim nicht schlecht.

Zu gnadenlosen Kalauern traktierten sie Instrumente, die wie selber zusammengeleimt aussahen, triangelten und fiedelten, sägten und hämmerten, zimbelten und teutonten, dass selbst einem strengen Dichter wie Helmut Heißenbüttel aufging, dass die Kultur nur mehr aus dem Geist des Blödelns zu retten war.

Dreharbeiten zu 'Rotkäppchen reloaded'

Matthias Brenner, Michael Kessler, Karl Dall und Christian Tramitz (v.l.n.r.) bei den Dreharbeiten für eine "Rotkäppchen"- Parodie.

(Foto: Db Björn Steinz/picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Das alles ereignete sich, um noch tiefer in den ohnehin schon ziemlich tiefen Brunnen der Vergangenheit zu starren, als an den Universitäten in "Kapital"-Kursen der Tauschwert gegen den Gebrauchswert aufgerechnet und der Untergang der SPD eingeleitet wurde, weil die Jusos die Arbeiter mit der revolutionären Theorie als einer Funktion der Praxis (oder war es doch umgekehrt?) ins Bett diskutierten. Diese Sattelzeit am Ende des Ancien Régime der CDU war nämlich generationenübergreifend vor allem eins: furchtbar ernst. Rudi Dutschke rief zum langen Marsch durch die Institutionen, und Joachim Fest formte in seiner Biografie Hitler zu einem gescheiterten Künstler.

Naturgemäß wählte er das Fernsehen als sein Habitat, wo er am besten als penetrante Nebenfigur war

Insterburg & Co., diese vier Anarchisten aus Ostpreußen und Friesland, hatten weder zum revolutionären noch zum politischen Pathos Lust und kannten deshalb nur diesen "Abenteuerroman von Adolf Hitler" mit dem Titel "Mein Krampf". Brandt wollte mehr Demokratie wagen, Habermas den herrschaftsfreien Diskurs durchsetzen, Dall verabschiedete zeit seines Lebens den Ernst aus der Welt.

Die Beatles hatten Ringo, den die übrigen drei wegen seiner Nase hänselten, Insterburg & Co. hatte Karl Dall, der ein Auge nicht ganz aufbekam und ständig selber darüber Witze machte. Noch seine Autobiografie musste den Titel "Auge zu und durch" (2006) tragen.

Zugegeben, da war im Blödelfach noch der andere Außerfriesische, Otto mit Namen, der, unterstützt von den Philosophen der Neuen Frankfurter Schule, der Adenauer- und Springer-Bundesrepublik den endgültigen Abschied gab. Aber niemand reichte an Dall heran, der als Ein-Mann-Unternehmen die Institutionen unterwanderte oder doch zumindest das Fernsehen. Dort regierten in den frühen Siebzigern Heintje, Roy Black und Rex Gildo, und Dieter Thomas Heck ließ seine Helden in der ZDF-Hitparade wie ein Feldwebel antreten. Mit dem polonäsigen Titel "Diese Scheibe ist ein Hit!" (1975) parodierte Dall das Slowfox-Geschlagere auf dessen eigenem, also dem untersten Niveau und wurde prompt, wie er's im Text gefordert hatte, zu Heck eingeladen, wo er dann tapfer krächzte: "Diese Scheibe müsst ihr koofen, is 'ne Scheibe für die Doofen."

Apokryphe Quellen wollen wissen, dass sich Wigald Boning und Olli Dittrich mit ihren "Liedern, die die Welt nicht braucht" nach diesem Hit Die Doofen nannten. Was soll man sagen? Es hat geklappt, die Platte wurde gekauft.

Er hätte scheitern, er hätte also ein hauptberuflicher Comedian, er hätte sogar Produzent oder Redakteur werden können, aber Dall, und das ist seine bleibende Leistung, blieb einfach Dall. Schon für seinen Auftritt in Ulrich Schamonis Film "Quartett im Bett" hatte er 1969 den Ernst-Lubitsch-Preis für seine Nebenrolle als Karl Dall bekommen, und fast ein halbes Jahrhundert lang zierte er Dutzende Filme. Naturgemäß wählte er das Fernsehen als sein Habitat, wo er am besten als penetrante Nebenfigur war.

Karl Dall in der Fernsehsendung Dall-As

Karl Dall in der Fernsehsendung "Dall-As".

(Foto: imago stock&people via www.imago-images.de/imago images/teutopress)

Wenn die große Samstagabendunterhaltung und "Verstehen Sie Spaß?" angesagt waren, wenn die Stadthallen von Hof oder Recklinghausen ausverkauft und zwölf Millionen Zuschauer mitfieberten, weil zwei, drei Stars angekündigt waren, nahm er mit seinen improvisierten Bemerkungen jeder Show den Sattelschlepperernst. Seine Fernsehlaufbahn hatte im "Musikladen" bei Radio Bremen begonnen, und über die WDR-Plattenküche hangelte er sich durch zu RTL, wo er in Gestalt von "Dall-As" seine eigene Show bekam, die bei Sat 1 als "Jux und Dallerei" weiterging. Das Blödeln verlernte er nie, denn er blieb verlässlich schlecht gelaunt. Deshalb war der magensaure Misanthrop oft der einzige angenehme Anblick im letzten Fin de Siècle, das in "7 Tage, 7 Köpfe" und dergleichen auslief.

Einen fast schon Beckett-förmigen Schlusspunkt bildete die Etappenwanderung auf dem Jakobsweg, zu der er 2016 bei Tele 5 mit anderen hüftsteifen Altgrößen wie Björn-Hergen Schimpf und Harry Wijnvoord aufbrach. Der Großkomiker Karl Dall ist am Montag 79-jährig in Hamburg gestorben.

© SZ/jsa/jobr
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Verdacht auf Schlaganfall bei Karl Dall

Nach Schlaganfall
:Komiker und Schauspieler Karl Dall ist tot

Er starb am Montag im Alter von 79 Jahren, wie seine Familie der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. Dall habe sich von einem Schlaganfall nicht mehr erholt.

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