Israelische Journalistin "Nach Neukölln gehe ich nur noch, wenn es sein muss"

Antonia Yamin

(Foto: Boaz Arad)

Die israelische TV-Korrespondentin Antonia Yamin wurde in Berlin mit einem Feuerwerkskörper am Drehen gehindert.

Interview von Thorsten Schmitz

Antonia Yamin arbeitet für den israelischen Fernsehsender "Kann". Die 30-Jährige wurde in Deutschland geboren und ist in Israel aufgewachsen. Seit eineinhalb Jahren lebt Yamin wieder in Berlin. Das kurze Video vom abgebrochenen Dreh auf ihrer Twitterseite wurde seit Sonntagabend mehr als 125 000 Mal aufgerufen. Außenminister Heiko Maas verurteilte den Vorfall auf Twitter, die Berliner Polizei hat Ermittlungen eingeleitet.

SZ: Sie sind am Sonntagabend in Berlin-Neukölln bei der Aufnahme eines TV-Berichts gestört worden. Was ist passiert?

Antonia Yamin: Ich kam gerade von einer Demonstration in der Nähe des Hermannplatzes, es war der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, als mich meine Chefin aus Israel anrief und bat, einen Aufsager zu sprechen zur Einigung bei den Brexit-Verhandlungen.

Aber dazu ist es nicht gekommen.

Genau. Ich stand auf der Straße Kottbusser Damm zwischen Hermannplatz und Kottbusser Tor, als von hinten vier junge Männer in unser Bild gegangen sind und uns gestört haben. Gott sei Dank war ich diesmal mit meinem Kameramann unterwegs. Ich habe sie gebeten, weiterzulaufen, dann fragten sie mich, woher ich komme und wo man den Beitrag sehen wird. Ich hatte noch nicht mal reagiert, da warfen sie auch schon einen Feuerwerkskörper auf mich.

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe mich natürlich sehr erschreckt. Ich wusste erst gar nicht, dass sie einen Böller auf uns geschmissen haben. Ich hatte nur etwas Brennendes auf uns zufliegen gesehen, das auf dem Boden explodiert ist. Die jungen Männer sind schnell abgehauen und in einer U-Bahnunterführung verschwunden.

Ist Ihnen so was zuvor schon passiert?

Es ist das erste Mal, dass ich in Berlin bei meiner Arbeit so behindert wurde. Dennoch habe ich in den eineinhalb Jahren, in denen ich jetzt in Berlin lebe, immer versucht, Neukölln zu meiden. Ich gehe da nur hin, wenn es aus beruflichen Gründen sein muss.

Haben die jungen Männer begriffen, wer Sie sind und woher Sie kommen?

Ich will nicht groß Antisemitismus schreien. Das ist nicht mein Stil. Ich kann nicht hundertprozentig sagen, warum diese Jungs gemacht haben, was sie gemacht haben. Ich weiß nicht, ob sie mich belästigt haben, weil ich Jüdin bin oder Israelin oder eine Frau. Ich stand da ja nicht mit Kippa oder einem riesigen Davidstern. Fakt ist: Auf meinem Mikrofon steht der Name unseres Senders auf Hebräisch und ich habe Hebräisch auf offener Straße gesprochen. Was ich auch sagen kann, seitdem ich hier lebe: In Deutschland und in Berlin gibt es in bestimmten Vierteln Gruppen junger Männer mit bestimmtem familiären Hintergrund, die sich benehmen, als könnten sie machen, was sie wollen. Ich selbst habe zwar auch einen deutschen Pass, aber ich fühle mich als Gast und finde, Menschen mit Migrationshintergrund sollten sich sogar besser benehmen als die Deutschen.

Hochschule in München Wenn die Mehrheit sich wegduckt
Geschwister-Scholl-Preis

Wenn die Mehrheit sich wegduckt

Der Historiker und Journalist Götz Aly erhält den Geschwister-Scholl-Preis. Der 71-Jährige erinnert daran, wie viele Studenten damals über den Tod der Widerstandskämpfer jubelten.   Von Antje Weber

Werden Sie Neukölln jetzt noch mehr meiden?

Ich werde dort nur hingehen, wenn es unbedingt sein muss. Neukölln ist voll mit Palästinaflaggen und arabischen Restaurants. Als Jüdin und Israelin ist mir die Gegend nicht besonders sympathisch. Ich sage nicht, dass ich etwas dagegen habe, Neukölln aber ist kein Ort, wo ich herumlaufen oder mit meinem Mikrofon herumstehen will. Es gibt Orte in Paris oder Belgien oder in Schweden, da entferne ich den hebräischen Schriftzug vom Mikrofon. Nicht alle müssen wissen, von wo ich komme und welche Sprache ich spreche. Bis jetzt hatte ich noch nie überlegt, ob ich mein Mikrofon in Deutschland gegen ein neutrales austausche.

Sie haben über Neonazis in Ostdeutschland berichtet und etwa auch über antisemitische Vorfälle gegen Kippa tragende Israelis. Nimmt der Hass auf Juden und Israelis zu?

Statistisch gesehen weiß ich nicht, ob diese Vorfälle zunehmen. Aber es gibt ein weit verbreitetes Gefühl, dass man als Jude in Deutschland viel vorsichtiger sein sollte. Viele Juden haben das Gefühl, dass die Menschen, die antisemitische und rechtsextreme Angriffe verüben, überzeugt sind: Es ist völlig okay, dass wir das tun.

Lesen Sie außerdem diese Seite Drei mit SZ Plus:
Kabarett Aus der Giftküche

Jan Böhmermann und Oliver Polak

Aus der Giftküche

Jan Böhmermann, Oliver Polak und der heftige Vorwurf des antisemitischen Ressentiments: Wie ein Sketch mithilfe der sozialen Medien nach Jahren übel zündet.   Von Hilmar Klute