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Geschwister-Scholl-Preis:Wenn die Mehrheit sich wegduckt

Geschwister-Scholl-Preis, Große Aula der Ludwig-Maximilians-Universität

"Ich bin gerührt", gesteht ein strahlender Preisträger Götz - was ihn und andere nicht davon abhält, in der Aula unangenehme Wahrheiten zu benennen.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Der Historiker und Journalist Götz Aly erhält den Geschwister-Scholl-Preis. Der 71-Jährige erinnert daran, wie viele Studenten damals über den Tod der Widerstandskämpfer jubelten.

Dass Hans und Sophie Scholl von einem Hausmeister erwischt wurden, als sie im Februar 1943 Flugblätter in der Münchner Universität auslegten, ist bekannt. Dass sie wenige Tage später zum Tode verurteilt wurden und das Urteil sofort vollstreckt wurde, ebenfalls. Doch wer weiß schon, dass sich nur eine Stunde später 3000 Studentinnen und Studenten im Audimax und im Lichthof trafen, um diese Entscheidung und den Hausmeister zu bejubeln? Es war die ungeheuerliche Zahl von 75 Prozent aller damaligen Studierenden, wie Götz Aly in seiner Dankesrede zum Geschwister-Scholl-Preis am Montagabend in ebenjener Universität darlegt. Fast jeder Satz des Gaustudentenführers, so sagt er, wurde damals "mit stürmischem Beifall" bedacht.

Und das ist nicht alles. Ein Raunen geht durch die mehr als voll besetzte Große Aula der LMU, als Aly - ergänzend zum Redemanuskript - noch etwas erzählt: Im Vorfeld der Verleihung habe er im Universitätsarchiv angefragt, ob es Material zu jener Kundgebung gebe. Als Antwort habe er erhalten: "Wir wissen nicht, wo wir suchen sollen." Das finde er sehr bedenklich, sagt Aly. Es gebe dicke Bücher über die Hochschulgeschichte - aber "davon kein Wort"!

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Für solche Recherchen, die ihm keine Institution bezahlt, für solche Erkenntnisse, in Bücher wie "Warum die Deutschen? Warum die Juden?" gegossen, schätzen die einen den Historiker und Journalisten sehr - und die anderen nicht ganz so sehr. Dass er nun für sein Buch "Europa gegen die Juden. 1880 - 1945" und letztlich auch für sein Lebenswerk den Geschwister-Scholl-Preis zugesprochen bekommen hat, freut Aly sichtlich: "Ich bin gerührt", sagt er, der Preis habe ihn "völlig überrascht". Dabei werden Aly selbst Kritiker nicht absprechen, dass sein Werk, wie in den Statuten des Preises gefordert, "von geistiger Unabhängigkeit zeugt". Noch eine weitere Verbindung zu den Mitgliedern der Weißen Rose gibt es übrigens, wie Aly erzählt: Am Kurt-Huber-Gymnasium in Gräfelfing hat der heute 71-Jährige einst Abitur gemacht. Es scheint ihn geprägt zu haben.

Und so hält Aly - und nicht nur er - an diesem Abend eine denkwürdige Rede. "Warum blieb die Weiße Rose so isoliert?", fragt er darin. "Warum diese Mischung aus Akklamation und Sich-Wegducken?" Eine seiner Antworten ist, wie überhaupt in seinem Werk, dass die nationalsozialistische Führung die Mehrheit auf Durchhalten einschwor, indem sie vor einer Rache der Juden angesichts des "Raubens und Mordens" warnte: "Die Mixtur aus gemeinschaftlichem Profit und gemeinschaftlich zu verantwortenden Verbrechen schweißte Volk und Führung zusammen."

Bereits Alys Vorredner hatten diese Aspekte aufgenommen. "Kleinmut, Vorteilsnahme und Angst vor Freiheit und Verantwortung" nennt Oberbürgermeister Dieter Reiter als einige Motive aus Alys "alltäglicher Begründung des Grauens". Michael Then, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Landesverband Bayern, greift das Motiv des Neides auf die Juden heraus. "Mach doch du, lieber Staatsapparat, mit den Juden, was ihnen gebührt - uns kümmert das nicht so genau", in dieser von Aly beschriebenen Haltung vieler Bürger sieht er Bezüge zur Gegenwart: "Neid und Antisemitismus gedeihen, wenn wir schweigen und die Zeichen der Zeit ignorieren."

Noch konkretere Bezüge zur Gegenwart arbeitet Laudator Patrick Bahners heraus, am Beispiel Raul Hilbergs. Detailliert legt er dar, warum das Werk jenes Pioniers der Holocaustforschung in Deutschland erst verspätet rezipiert wurde, als ein "Exempel der Verdrängung" bis in unsere Tage. Dabei kritisiert er nicht nur das Verhalten großer Münchner Verlage, sondern auch des Instituts für Zeitgeschichte - und würdigt Alys Arbeit, der auch dort in der Bibliothek recherchierte, getreu seiner Maxime: "Man kann ja nie wissen." Wie der Comic-Held Asterix handle Aly nach der Devise: "Frechheit siegt!" Immer wieder habe er es als Einzelkämpfer mit einer "Übermacht zünftiger Historiker aufgenommen" - und uns allen explizit vor Augen geführt, dass "kein deutscher Staatsbürger sich heute davon freisprechen kann, vom Holocaust möglicherweise profitiert zu haben".

Nachdenklich stehen die Gäste danach noch lange beim Empfang im Lichthof. Auf der Treppe zur U-Bahn stolpert man anschließend über Hefte der Studenten-Zeitschrift Audimax. Titelthema der aktuellen Ausgabe: "Macht Geld glücklich?"

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