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Journalistenmord in Russland:Rätsel um den Tod von Anna Politkowskaja

Vor fünf Jahren wurde die Journalistin Anna Politkowskaja in Russland ermordet. Der Fall führt in die undurchsichtigen Hintergründe der russischen Politik - gelöst wurde er immer noch nicht. Vor allem der Auftraggeber des Mordes blieb im Dunkeln - Anna Politkowskajas Redaktion gibt trotzdem nicht auf.

Frank Nienhuysen

Ihr Computer ist abgebaut, aber der Schreibtisch steht noch immer da. Es ist ein kleiner brauner Tisch, nur etwa 1,20 Meter breit. Auf der Glasplatte steht eine Vase mit einem verblassten gelben Goldruten-Strauch. Daneben liegt ein rot ausgemalter Gruß der Kollegen, er muss noch von Ende August stammen: "Zum Geburtstag. Unsere Anja". Dazu ein Foto von ihr in weißer Bluse, die Arme verschränkt: Anna Politkowskaja. Die Mitarbeiter nennen sie nur Anja, das klingt sanfter, das war ihr Kosename. Und Anja wird hier nicht vergessen.

Fünf Jahre nach dem Mord - Politkowskajas Berichte als Buch

Die Journalistin Anna Politkowskaja hat ihre Kritik an den Machtstrukturen in Russland 2006 mit dem Leben bezahlt.

(Foto: dpa)

Es gibt viele Erinnerungen an die Journalistin in den Redaktionsräumen der Nowaja Gaseta. Porträts in Schwarzweiß, Titelseiten mit ihrem Bild aus der Zeit nach ihrer Ermordung. Genau fünf Jahre liegt ihr Tod an diesem Freitag nun zurück, aber der Fall Politkowskaja geht ja weiter. Auch dank der Zeitung, für die Politkowskaja gearbeitet hat.

Es sind nur ein paar Schritte von ihrem früheren Büro bis in das von Sergej Sokolow. Man muss an dem Konferenztisch vorbei, hinter dem eine Fahne mit dem Namen der Zeitung festgesteckt ist, darüber hängen Porträts von sechs Mitarbeitern, die in den vergangenen Jahren getötet wurden. Die Zeitung hat für ihre kritische Haltung einen hohen Preis bezahlt. Sokolow sagt, "ich weiß, dass das eine gefährliche Arbeit ist, aber in Russland kann eine beliebige Dienstreise schlecht enden".

Sokolow ist der stellvertretende Chefredakteur der Nowaja Gaseta, 44 Jahre alt ist er und seit dem ersten Tag der Zeitung dabei. Es ist jetzt spät am Tag, und Sokolow raucht. Er trägt Jeans, eine braune Lederjacke, einen Rolli. In seinem Zimmer liegen Eintrittskarten für einen Film über Anna Politkowskaja, der an diesem Freitag gezeigt wird. Als Politkowskaja am 7. Oktober 2006 am späten Nachmittag vor dem Aufzug ihres Wohnhauses erschossen wurde, war er auf einer Dienstreise im Ausland. Am nächsten Morgen kehrte er zurück. Er sagt: "Nachdem ich den Anruf erhalten hatte, waren meine ersten Gefühle Wut und Kraftlosigkeit. Anja war damals ja leider schon das dritte Opfer." Aber als er wieder in Moskau war, in seiner Zeitung, kam die Kraft zurück, und er begann mit der Suche nach den Schuldigen.

Sokolow führt seitdem in der Zeitung ein kleines Ermittlerteam, das mithilft, den komplizierten Fall zu lösen, die Wahrheit im Mordfall Politkowskaja zu finden. Manchmal sind es bis zu fünf, sechs Mitarbeiter gleichzeitig. Man kann nicht sagen, dass die Journalistengruppe immer gegen die offiziellen Ermittler arbeitet. Aber sie traut ihnen auch nicht. Sokolow sagt: "Wir müssen ihnen helfen, und wir müssen sie kontrollieren. Wir arbeiten auch zusammen, aber jeder hat seinen eigenen Weg, seine eigenen Informationsquellen - und seine Prioritäten. Ich will überzeugt sein, dass auf der Anklagebank auch die Schuldigen sitzen."

Der Mordfall Politkowskaja ist nach fünf Jahren noch immer ein großes Rätsel. Immerhin scheint ein Teil von ihm gelöst zu sein, aber es bleiben Lücken. Es gibt den mutmaßlichen Todesschützen Rustam Machmedow, der im Frühjahr in einem tschetschenischen Dorf im Hause seiner Mutter verhaftet wurde. Zwei Brüder von ihm, ebenfalls in Haft, sollen ihm bei der Tat geholfen haben. Bereits im Jahr 2008 gab es gegen sie einen Gerichtsprozess, 2009 aber wurden sie wegen mangelnder Beweise zunächst freigesprochen. Dann hob das Oberste Gericht in Russland die Urteile wieder auf, und die Ermittlungen mussten wieder aufgenommen werden.

Der Auftraggeber? Es gibt Gerüchte

Damals trat der ehemalige Polizeioberstleutnant Dmitrij Pawljutschenkow noch als Zeuge auf. Aber Sokolow hatte schon länger den Eindruck, dass Pawljutschenkow eine größere Rolle gespielt haben könnte. Im August wurde der Milizoffizier schließlich verhaftet. Er soll die drei tschetschenischen Brüder als Todeskommando engagiert, die Pistole besorgt und kurz vor Politkowskajas Tod ihren Alltag ausspioniert haben. Pawljutschenkow galt eine kurze Zeit nach seiner Verhaftung als der Hauptorganisator des Mordes, bis die staatliche Untersuchungskommission vor vier Wochen mitteilte, dass diese Rolle nun wohl dem Tschetschenen Lom-Ali Gaitukajew zufalle, auch er bereits in Haft. Eine Schlüsselfigur bleibt Pawljutschenkow allemal, und die Nowaja Gaseta war die erste Zeitung, die über dessen Festnahme berichtete.

Was auch kein Wunder war. "Die Mitarbeiter der Nowaja haben die Informationen gesammelt, die letztendlich zu dieser Verhaftung geführt haben", sagt die Politkowskaja-Anwältin Anna Stawizkaja. "Es war in der ganzen Sache ihr größter Erfolg." Stawizkaja wäre sehr froh, wenn die staatlichen Ermittler auch ohne Sokolows Team auskommen würden, ohne Hilfe von außen. "Aber in diesem Fall", sagt sie, "wäre alles ohne die parallelen Untersuchungen nicht so erfolgreich verlaufen. Die Nowaja Gaseta ist die bewegende Kraft. Es fehlt eigentlich nur der Auftraggeber."

Wer das ist, das hat auch Sokolow bisher nicht herausgefunden. Er hat nur Versionen. "Eine Liste von drei, vier Personen", sagt er, "aber wer von ihnen den Auftrag gegeben hat, das weiß ich nicht." Das ist der Punkt, an dem auch die Nowaja Gaseta an ihre Grenzen stößt. Mit ihren kritischen Artikeln insbesondere über schwere Menschenrechtsverletzungen im Tschetschenien-Krieg hatte sich Politkowskaja manche Feinde gemacht. Zuletzt kursierte wieder ein Name, der von Anfang an schon umherschwirrte. Der von Boris Beresowskij. Der Oligarch, der seit Jahren im Londoner Exil lebt, war in den neunziger Jahren einer der mächtigsten Männer Russlands. Er half dem angeschlagenen Präsidenten Boris Jelzin 1996, die Wahl zu gewinnen. Er hatte gute Verbindungen nach Tschetschenien, und er ist später zu einem Gegner von Wladimir Putin geworden, an dessen Geburtstag Politkowskaja getötet wurde. Seit langem geht deshalb das Gerücht um, Beresowskij habe Putin in Verruf bringen wollen.

Sokolow kennt natürlich auch dieses Gerücht, und er sagt, "das ist die Version der Staatsanwaltschaft. Ich glaube nicht, dass er es ist". Es gibt seit Jahren viele Fährten in dem Fall, und Sokolows Rechercheteam verwendet viel Zeit darauf, zu untersuchen, welche von ihnen richtig sind. "Wir haben in Russland einen schwachen Staat, der seine Pflichten nicht effektiv erfüllt", sagt der stellvertretende Chefredakteur. "Wenn ein wichtiger Verdächtiger ein Mitarbeiter der Innenbehörde ist, dann ist jeder weitere Kommentar eigentlich überflüssig." Immer wieder gehe es eben auch um Geld, "um Bereicherung, um Bisnes", wie Sokolow sagt. Und auch die Politik hat aus seiner Sicht schon eine Rolle gespielt in dem ganzen Verfahren. "Als der zweite Jahrestag der Ermordung näher rückte, erhielten die Ermittler den Auftrag, den Fall dringend an das Gericht zu übergeben. Aber die Ermittlungen waren noch gar nicht beendet. Und so platzte die Sache, und alle wurden zunächst freigesprochen."

Nun gibt es einen neuen Anlauf. Der Nowaja Gaseta geht es nicht um Eile, sie will, dass der Fall gelöst wird, Schritt für Schritt. "Für uns ist Anja eine Freundin, für die Ermittler ist es normale Arbeit. Wir haben keinen Konflikt mit ihnen. Fünf Jahre, für einen Auftragsmord in Russland ist das eigentlich eine realistische Zeitspanne, nicht viel und nicht wenig", sagt Sokolow. "Generell gibt es bei uns nun mal viele gleichberechtigte Ämter, die nicht miteinander befreundet sind. Die Miliz, den Sicherheitsdienst, die Staatsanwaltschaft. Und es geht ja schließlich nicht um Diebstahl." Und so glaubt er, aber vielleicht ist es auch eher ein Hoffen, dass irgendwann auch der Auftraggeber gefasst wird. "Ich kann es nicht sagen, es ist schwierig. Aber früher oder später werden wir es hoffentlich erfahren."

© SZ vom 06.10.2011/anbo/gr
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