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Interview:"Ich helfe, wo ich kann"

Henri Nannen Preis 2013

Andreas Petzold, 61, war Reporter bei der Münchner Abendzeitung, gründete später die Frauenzeitschrift Allegra und war 14 Jahre lang Chefredakteur des Magazins Stern, bevor er 2013 in die Rolle des Herausgebers wechselte.

(Foto: dpa)

Andreas Petzold, Herausgeber von "Stern" und "Neon", spricht über Krisen, Reiseziele als Titelgeschichten - und darüber, ob die Zeitschrift "Neon" noch zu retten ist. Denn in diesem Jahr wurde das einst sehr erfolgreiche Magazin zum Sorgenkind von Gruner + Jahr.

Als die einst sehr erfolgreiche Zeitschrift Neon in diesem Jahr zum Sorgenkind von Gruner + Jahr wurde, musste Andreas Petzold, Herausgeber von Neon und Stern, zu Hilfe eilen - wie schon vor zwei Jahren, als Stern-Chefredakteur Dominik Wichmann gefeuert wurde. Auch dieser Einsatz ist nun erledigt, am Montag erscheint die erste Ausgabe von Neon, für die die neue Chefredakteurin Ruth Fend verantwortlich zeichnet.

SZ: Herr Petzold, ist Neon noch zu retten?

Andreas Petzold: Wenn ich Politiker wäre, würde ich antworten: Die Frage stellt sich nicht. Es gibt nichts zu retten, weil Neon nicht in Gefahr ist. Wahr ist, dass wir zu einer gesunden Auflage zurückkehren müssen, und das wird gelingen. Ruth Fend ist eine großartige Chefredakteurin.

Man konnte in den vergangenen Monaten einen anderen Eindruck gewinnen.

Davon weiß ich nichts. Dass die Existenz von Neon auf dem Spiel steht oder stand, ist einfach nicht wahr.

Dass die Auflage drastisch eingebrochen ist, lässt sich aber ja nicht schönreden.

Das stimmt, deshalb muss man sicher einiges anders machen. Alle Neon-Chefredakteure haben nach dem richtigen Ton gesucht und mussten experimentieren, da landet man nicht immer auf der Zwölf.

Woran liegt die Krise von Neon? Hat sich der Zeitgeist geändert? Oder doch daran, dass man mit Nicole Zepter als Chefin und dem Umzug von München nach Hamburg dem Magazin geschadet hat?

Ich möchte gar nicht schon wieder über die Vergangenheit sprechen. Natürlich sorgen solche Veränderungen in einer Redaktion für Irritationen, das geben wir zu. Was den Zeitgeist angeht: Nein, Neon ist kein Zeitgeist-Magazin, es ist ein Magazin für eine Lebensphase. Und die wird es natürlich auch weiterhin geben.

Als Herausgeber von Neon waren Sie zuletzt recht eingespannt. Man hat auch sonst den Eindruck, dass dieses Amt gerade Konjunktur hat. Patricia Riekel wacht über Bunte, Kai Diekmann über Bild, Stefan Aust über die Welt. Sind die Verlage in unruhigen Zeiten interessiert an den Weisheiten der Ehemaligen?

Das glaube ich nicht, man sollte diese Rolle auch nicht überschätzen. Ich helfe, wo ich kann, aber wenn ich nicht da wäre, ginge es hier auch weiter.

Aber eine Modeerscheinung ist es nicht?

Nein, dazu haben die Verlage zu handfeste Interessen. Herausgeber sind kein journalistisches Accessoire.

Sie haben bei Neon geholfen und nach dem Abgang von Dominik Wichmann kurz den Stern geleitet. Der Herausgeber als Ausputzer falscher Personalentscheidungen?

So sehe ich das nicht. Und das sollte sicher nicht der Grund sein, einen Herausgeber bereitzuhalten. Und ich mache beileibe nicht nur Aufräumarbeiten: Bei der Neuausrichtung von Capital sehe ich mich als Sparringspartner von Chefredakteur Horst von Buttlar.

Die Staffelübergabe von Ihnen und Thomas Osterkorn auf Dominik Wichmann war lange vorbereitet, die Berufung von Nicole Zepter bei Neon kam sehr überraschend; beide sind gescheitert. Ist es so schwierig, im Vorhinein zu ermessen, ob jemand einen Job beherrscht?

Einen Journalisten für herausragende Führungspositionen zu finden, ist mitunter schwierig. Die journalistischen Qualitäten bringen die Kollegen fast immer mit. Aber die Frage, ob jemand eine Redaktion führen kann, ist eine ganz andere. Oft wird der beste Journalist Chef und scheitert am Management. Ein guter Manager allein hilft auch nicht, weil Journalisten nicht akzeptieren, wenn der ihren publizistischen Ansprüchen nicht genügt.

Ihr ehemaliger Co-Chef Osterkorn verbringt seine Tage nicht mehr am Baumwall. Können Sie nicht loslassen?

Ich mag, was bei Gruner gerade passiert. Ich mag die Umbrüche, ich mag das unverkrampfte Ausprobieren von neuen Produkten. Es macht großen Spaß, weil wir spannende Zeiten in unserer Branche erleben.

Sie sprechen von spannenden Zeiten, man kann es aber natürlich auch als eine große Unsicherheit sehen, deretwegen so viele neue Dinge probiert werden. Es ist schwer abschätzen, was die Leser wollen. Für ein Heft wie den Stern, das alle abholen soll, kann das nicht gut sein.

Ich weiß gar nicht, ob das so ist. Klar, die Märkte sind teilweise disruptiv. Andererseits sind bei uns deshalb auch Hefte entstanden, die man früher nie gemacht hätte, ein Titel etwa wie Flow, der mit dem Thema Achtsamkeit eine sehr spezielle Zielgruppe hat. Aber wahr ist doch auch, dass die nachrichtenstarken Medien wie der Stern, der Spiegel oder die SZ sehr von den gesellschaftlichen Umbrüchen profitieren. Die Menschen wollen nachlesen und verstehen, was das Land bewegt.

Umso mehr fragt man sich, warum der Stern ständig mit Reisezielen titelt.

Stimmt ja so nicht ganz. Ja, es gab einige Reisethemen, aber Chefredakteur Christian Krug macht sehr gute und hochaktuelle politische Titel, und auch die funktionieren am Kiosk. Und ich erinnere noch einmal an den Nannen-Satz: Erst die Kirche voll machen und dann predigen!

Wie steht denn ein Angela-Merkel-Titel da im Vergleich zu einem Sylt-Titel?

Das kann sich sehen lassen: "Merkels Alleingang" verkaufte starke 194 618 Exemplare im Einzelverkauf, der Sylt-Titel zwei Wochen zuvor 203 832.

Neben der Wahl des Titels wurde zuletzt die Wahl des Erscheinungstages zum Heilmittel. War der Wechsel von Spiegel und Focus auf den Samstag sinnvoll?

Ich begebe mich da verlagspolitisch auf schwieriges Gelände, aber: Ich finde es nicht klug, auf das ohnehin schon umkämpfte Wochenende zu setzen. Der Montag ist jetzt als Erstverkaufstag praktisch leer gefegt; abgesehen von Neon natürlich, die erscheint einmal im Monat montags.

Ist der Erfolg einzelner Titelseiten schwerer planbar als früher?

Schwerer als vor 40 Jahren - ja. Hinzu kommt: Früher haben wir von dem großen Vertrauen in unsere Medienmarken profitiert. Dass dieses Vertrauen teils schwindet, ist für alle ein Problem.

Gerade bei vielen Regionalzeitungen spürt man eine gewisse Verzweiflung. Man hat das Gefühl, einen guten Job zu machen, aber Misstrauen zu ernten.

So ist es. In einer Studie war kürzlich nur ein Drittel der Befragten der Meinung, dass Nachrichtenmedien unabhängig berichten. Durch die Polarisierung der Gesellschaft werden Wahrheitswelten geschaffen, zwischen denen man mit Fakten kaum noch Brücken bauen kann. Neben denen, die laut "Lügenpresse" schreien, gibt es da draußen ja leider noch viel mehr Menschen, die die Wahrhaftigkeit der Berichterstattung anzweifeln. Jede politische Entscheidung, die denen nicht passt, empfinden diese Menschen als diktatorische Zumutung. Und weil die Medien nicht in ihrem Sinne dagegen anschreiben, suchen sie sich ihren eigenen Echoraum, und das ist Facebook. Aber wenn die Presse bei so vielen Medienkonsumenten an Glaubwürdigkeit verliert, büßt sie auch ihre Kraft ein, regulierend in der Gesellschaft zu wirken. Das ist ein schleichendes Gift.

Wie müssen die Medien reagieren?

Da hilft nur Transparenz. Den Menschen zeigen, wie gearbeitet wird. Nur so können wir unsere Glaubwürdigkeit, die wichtigste Währung, erhalten.