"Helen Dorn" im ZDF Ohne Krimiklamottenkiste

In der Schwebe: Kriminalistin Anna Loos und Elena Georgi.

Wie angenehm: Die ZDF-Reihe "Helen Dorn" verzichtet auf die üblichen Klischees. Stattdessen darf Hauptdarstellerin Anna Loos eine desillusionierte Polizistin geben und am Ende lassen die Beteiligten eine Erkenntnis platzen, die sogar mathematisch plausibel ist.

Von Achim Zons

Das Schöne an Krimis ist, dass man sich in den Anfangsminuten immer fühlt wie in seinen ältesten Klamotten. Die Kommissare kommen zum Tatort. Bekommen Informationen von einem ahnungslosen Streifenpolizisten. Ziehen sich Plastikhandschuhe an. Und dann, in der Hocke neben der entstellten Leiche, schließen sie aus dem Einschusswinkel, dass der Mörder Linkshänder ist, einen Sprachfehler hat und aus Bulgarien stammt.

Das Schöne und Beruhigende an dieser ersten Folge der neuen ZDF-Krimi-Reihe Helen Dorn ist, dass sie ganz ohne diesen Griff in die Krimiklamottenkiste auskommt. Matti Geschonneck, der Regisseur, und Magnus Vattrodt, der Autor, kennen die Fallstricke des Genres, und sie machen das einzig Richtige. Sie bringen von alledem: nichts.

Dafür treten Figuren auf, die man sehr schnell sehr mag, weil man sich über sie aufregen kann. Vor allem, weil sie nicht nur gut sind und nett. "Ihr seid die Polizisten mit den kleinen Autos, wir sind die mit den großen", sagt der LKA-Ermittler, offenbar ein arroganter Großkotz, ohne den später die Heldin, gespielt von Anna Loos, nicht auskommen mag. Angenehm auch, dass sie, die LKA-Ermittlerin Helen Dorn, nicht mit einem großen Aufschlag ihre Arbeit in Düsseldorf beginnt, sondern völlig unaufgeregt und eher widerwillig das macht, was man von ihr erwartet: sachverständige, gute Arbeit.

Frauenbeine bringen Quote

Das war so erfreulich nicht zu erwarten. Besonders die öffentlich-rechtlichen Sender folgen ja gerne der Devise: Krimis bringen Quote, Frauenbeine bringen Quote, also müssen die Fälle verstärkt von Ermittlern gelöst werden, die kurze Röcke tragen. Anna Loos muss nicht ihre Reize ausstellen. Sie darf eine desillusionierte Frau sein, die mit ihrem Vater, ihrer Umwelt und mit den Folgen eines früheren Falls zu kämpfen hat. Aber sie hat warme, irgendwie traurige Augen, und das hält alles wunderbar in der Schwebe. Es zählt nicht, was sie sagt. Es zählt mehr, was sie verschweigt.

Um die Dinge gleich etwas kompliziert zu machen: Helen Dorn ist zunächst nicht wirklich ein netter Typ. Sie scheint die Menschen um sie herum nicht zu mögen, manchmal findet sie ihre Kollegen sogar zum Kotzen. Die wenigen Fragen, die sie stellt, sind klug. Und die wenigen Antworten, die sie auf persönliche Fragen gibt, sind eher von der Art: Das geht Sie einen Scheißdreck an! Seltsamerweise nimmt einen das sehr für diese Frau ein.

Es gibt einen Moment am Anfang des Films, da meint man, die ganze Geschichte zu durchschauen. Eine junge Frau wird nach einem Muster umgebracht, das bis ins Detail dem Muster von drei früheren Morden entspricht, die ein paar Jahre zurückliegen. Für die Ermittler steht fest: eindeutig derselbe Täter. Nur: Der Täter der drei früheren Morde ist damals gefasst worden, er sitzt seitdem. Was nur heißen kann: Die Polizei hat Mist gebaut.

Zum Finale ein nervenaufreibendes Spiel

Das schafft unter den Beamten eine Atmosphäre des Misstrauens, niemand sagt etwas frei heraus, jeder scheint etwas zu verbergen. Blicke zwischen Zweifel, Argwohn und Angriffslust. Nur Helen Dorn, vor ein paar Jahren strafversetzt in die Prärie zum Flächenkommissariat Duisburg und jetzt von ihrem damaligen Chef und Mentor zurückgeholt ans LKA, kann unbelastet auftreten, unverdächtig nach den wahren Zusammenhängen forschen.

Denkt man. Wenn nur ein Täter für die vier Morde in Frage kommt, dieser aber im Knast sitzt und die jüngste Tat nicht begangen haben kann, dann kann das nur heißen: Der wahre Täter, der die Morde auf dem Gewissen hat, läuft all die Jahre noch frei herum. Und, fast noch schlimmer: Der verurteilte Täter, den die Polizei und das Gericht hinter Gitter gebracht haben, sitzt zu Unrecht.

Irgendwann sieht es so aus, als ob die Beteiligten gerade noch einmal davon kommen könnten mit ihren Irrtümern, Sünden und Fehleinschätzungen. Sie haben, was sie wollen. Und wieder machen Autor und Regisseur gerade das nicht, was man eigentlich erwartet. Keine Jagd durch leere Fabrikhallen. Keine Flucht durch das Abwassersystem der Stadt. Keine Rettung in letzter Sekunde. Sondern: Sie lassen eine Erkenntnis platzen, die auch mathematisch plausibel ist. Und es beginnt, quasi als Finale nach dem Ende, ein leises, geheimnisvolles und nervenaufreibendes psychisches Spiel, dessen Schluss alle verblüfft.

Wie gesagt: Es gibt Menschen mit großen Autos, und es gibt die mit den kleinen. Die Leute, die diesen Film verantworten, haben nicht nur die großen Autos. Sie können sie auch fahren.

Helen Dorn, ZDF, Samstag, 20.15 Uhr.