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Greta Thunberg:Mitsegelgelegenheit

Mit Baby und einer Million Follower von Küste zu Küste: Über die Social-Media-Profis, die Umweltaktivistin Greta Thunberg nach Europa bringen.

Greta Thunberg mit der Besatzung der "La Vagabonde"

Elayna Carausu mit Baby, Greta Thunberg, Nikki Henderson und Riley Whitelum an Bord.

(Foto: elayna.carausu/instagram.com)

Wer wissen möchte, wo sich Greta Thunberg befindet, der sollte auf der Webseite von Sailing La Vagabonde nachsehen. Dort sind die Koordinaten zu sehen, unter dem Foto eines geradezu unwirklich attraktiven Paares auf einem Katamaran; sie hält eine Kamera, er angelt mit Baby auf dem Schoß. Es sind Elayna Carausu und Riley Whitelum. Derzeit segeln sie von der amerikanischen Ostküste in Richtung Europa, sie wollen die Aktivistin und ihren Vater Svante rechtzeitig zum Weltklimagipfel der Vereinten Nationen in Madrid bringen.

Das Paar ist eingesprungen, als die 16 Jahre alte Thunberg per Twitter eine, nun ja, Mitsegelgelegenheit suchte, nachdem der Klimagipfel, für den sie ursprünglich nach Amerika gereist war, kurzfristig von Santiago de Chile nach Spanien verlegt wurde. Die beiden Australier segeln seit fünf Jahren gemeinsam um die Welt, sie sind von Piraten angegriffen worden, auf Grund gelaufen und pleite gewesen. Mittlerweile haben sie mehr als 81 000 nautische Meilen geschafft. Knapp 1,2 Millionen Abonnenten verfolgen ihren Kanal auf Youtube, knapp 3500 Menschen zahlen auf dem Portal Patreon für Inhalte. Sie verkaufen Klamotten, Bücher, Sticker - verschickt in nachhaltiger Verpackung.

Carausu, 26, und Whitelum, 32, sind natürlich nicht die Einzigen, die aus ihrem Leben eine Reality-Show machen. Sehr viele Leute inszenieren im Fernsehen und auf Social Media ihren Alltag. Die bekanntesten Selbstdarsteller sind wohl Kim Kardashian und Kanye West, und vielleicht sind die Segler deshalb so beliebt, weil sie wenig gemein haben mit diesem Glamour-Drama-Paar. Das beginnt bereits bei deren Kennenlernen: Ein verrückter Australier, der auf Bohrinseln gearbeitet und sich vom gesparten Geld ein Boot gekauft hat, segelt einfach mal los. Auf der griechischen Insel Íos sieht er eine Frau, die für Touristen Gitarre spielt und singt. Einen Monat später fliegt diese Frau nach Australien, verkauft ihre Sachen, kommt zurück - und besteigt sein Boot, um gemeinsam um die Welt zu segeln.

Um die Sorgen ihrer Mutter zu zerstreuen, stellt Carausu ohne größeren Plan Videos zum Alltag auf See ins Internet; allein die erste Folge sehen mehr als 70 000 Menschen. "Selbst fünf Monate später war es nur ein Hobby", sagte sie kürzlich der New York Times. Als die beiden den Atlantik überquert hatten und pleite waren, wollten sie nach Hause fliegen und erst einmal Geld verdienen - die Zuschauer aber reagierten mit Spenden. Mittlerweile produzieren sie jede Woche eine neue Video-Folge, und inzwischen ist auch der elf Monate alte Sohn Lenny mit an Bord.

Natürlich gibt es nun Leute, die dem Paar Geldmacherei vorwerfen. Anders als andere Influencer aber, die ja neben sich selbst dauernd noch Pflegeprodukte, Reiseziele oder Babysachen anpreisen, sind Carausu und Whitelum vor allem Inhalte-Lieferanten geblieben. Sie kommen gut ohne künstliches Drama und nervige versteckte Werbung aus. Boot und Equipment haben sich verbessert, in den Videos aber sind sie eine minimalistische Familie geblieben, die Trinkwasser aus dem Ozean gewinnt und Fische selbst fängt.

Für die Thunberg-Fahrt ist nun die 26-jährige britische Weltumseglerin Nikki Henderson mit an Bord, sie hat die Expertise, um das Boot im Spätherbst über den Atlantik zu bringen. Die Bedingungen seien schwierig, sagte sie diese Woche per Satellitentelefon der britischen Zeitung The Standard, es regne, stürme, schneie. Sie würden sich viel unterhalten an Bord, sagt Henderson, auch darüber, ob Angst nicht ein stärkerer Katalysator zum Handeln sei als Liebe. Die Leute werden das alles erfahren, im nächsten Video von Carausu und Whitelum. Es ist bereits auf der Webseite angekündigt.