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Greenpeace-Magazin:Luftverschmutzung

Greenpeace hat seinem Magazin einen neuen Chefredakteur vorgesetzt: den Kommunikationschef der Umweltorganisation. Die Redaktion fürchtet um ihre Unabhängigkeit - nicht zum ersten Mal.

Für die Jubiläumsausgabe im Oktober hat die Redaktion des Greenpeace Magazins einen Schwerpunkt zum Thema "Umwelt und Humor" geplant - für die Beteiligten ein weiterer Beleg ihrer Unabhängigkeit von Greenpeace Deutschland, auf die man seit fast 25 Jahren stolz ist. Oder muss man besser sagen: auf die man stolz war? Denn noch ist nicht ausgemacht, ob die Humorfähigkeit von Mitgliedern und Geschäftsführung des gemeinnützigen Vereins tatsächlich auf die Probe gestellt werden wird, ob die Ausgabe überhaupt wie geplant erscheint. Denn Greenpeace hat, dem Vernehmen nach ohne Vorwarnung, am 8. Juni die langjährige Geschäftsführerin und Co-Chefredakteurin des Magazins, Kerstin Leesch, entlassen und zumindest vorübergehend durch den Greenpeace-Kommunikationschef Michael Pauli ersetzt, dessen bisherige Position mit dem Wechsel abgeschafft wurde; Leeschs Chefredakteurskollege Kurt Stukenberg und ein Redakteur haben gekündigt, freie Autoren sich distanziert.

Nicht wenige sehen in der Berufung des PR-Manns Pauli einen Sündenfall, fürchten um die Autonomie des Magazins mit seiner zweimonatlichen Auflage von trotz Verlusten noch 90000 Exemplaren. Es erscheint zwar im Verlag Greenpeace Media, einem Tochterunternehmen der NGO, hat aber - im Gegensatz zur ebenfalls dort produzierten Mitgliederzeitschrift Greenpeace Nachrichten - stets sein eigenes Ding gemacht und sich durch den Verzicht auf Werbung allein aus seinen Erlösen finanziert. Dass Pauli nun neben den Greenpeace Nachrichten, für die er "vorläufig weiterhin zuständig sein" soll, in Personalunion künftig auch das Magazin verantworten wird, wirft Fragen auf, mit denen man sich bei Greenpeace nicht belastet. An der Trennung der Redaktionen werde sich nichts ändern, sagt die für Kommunikation zuständige Geschäftsführerin Sweelin Heuss auf SZ-Anfrage. Und weil er ja nicht mehr für Greenpeace direkt arbeitet, sei Pauli "in seiner neuen Rolle allein dem Magazin verpflichtet".

Wenige Tage vor Leeschs Entlassung wendeten sich Mitarbeiter von Magazin und Greenpeace Media in einem Schreiben an die Geschäftsführung von Greenpeace Deutschland, "um unsere Sorge auszudrücken und Euch dringend um ein konstruktives Gespräch zu bitten." Sie hätten erfahren, "dass die Neuausrichtung und Weiterentwicklung" des Geschäftsmodells der Greenpeace Media, die auch noch einen Onlineshop betreibt, derzeit nicht vorankomme und reagierten auf Gerüchte über eine Neubesetzung aus den Reihen des Vereins, was "unsere redaktionelle Integrität schwer beschädigen und das Ende des Greenpeace Magazin s als respektierter Teil der journalistischen deutschen Medienlandschaft bedeuten würde" - eine Sorge, die auch prominente Vereinsmitglieder teilen: Einer von ihnen wertet die Personalie Pauli in einem internen Mailverkehr als "Affront gegenüber dem Magazin".

Geschäftsführerin Heuss habe zwar verständnisvoll reagiert, heißt es aus der Redaktion, schuf dann aber erst Fakten durch den Rauswurf Leeschs, bevor sie sich erklärte. In einer Rundmail wird dieses Treffen wie folgt zusammengefasst: "Im Ergebnis konnten wir also unsere Sorgen nochmals persönlich vortragen, Konsequenzen hat das aber nicht." Als offiziellen Grund für die laut Mitteilung "einvernehmliche Trennung" von Leesch gab Greenpeace "unterschiedliche Auffassungen über die zukünftige Ausrichtung von Greenpeace Media" an, in Redaktionskreisen dominiert jedoch die Vermutung, es gehe vor allem um Kontrolle; darum, Inhalte mit dem Verein abzustimmen, kurzum: das Heft auf Linie zu bringen.

Geschäftsführerin Heuss weist diese Befürchtungen klar zurück: "An unserem Verhältnis und an der Unabhängigkeit des Magazins ändert sich nichts", sagt sie auf SZ-Anfrage. "Das Greenpeace Magazin ist eigenständig und arbeitet seit vielen Jahren auf der Basis eines Lizenzvertrags mit Greenpeace zusammen. Dieser Vertrag hat sich nicht geändert."

Doch es wäre nicht der erste Versuch, die Unabhängigkeit des Magazins zu beschneiden. Ende 2014 berichtete der Spiegel von Versuchen der Vorgänger von Heuss und ihren Kollegen Roland Hipp und Martin Kaiser, das Magazin mittels eines Lizenzvertrags, "mit dem Greenpeace erstmals direkten Einfluss auf die Artikel nehmen könnte", stärker an die Kandare zu nehmen. Die Vereinsführung, hieß es, möchte sich das Recht vorbehalten, Beiträge, die "nicht mit den von Greenpeace verfolgten Zielen in Einklang stehen", zu ändern oder aus dem Heft zu nehmen.

Ihre Unabhängigkeit und Eigenständigkeit zu behaupten, ist für die Redaktion ein Dauerthema. So löste etwa die Nominierung eines Textes der freien Autorin Lena Niethammer für den renommierten Reporterpreis im vergangenen Jahr eine Branchen-Diskussion über die Frage aus, die sich im Selbstverständnis der Redaktion nicht stellt, nämlich ob das Greenpeace Magazin nun Journalismus macht oder PR, ergo: ob die Nominierung für einen Journalistenpreis in Ordnung geht. Chefredakteur Stukenberg wehrte sich gegen Kritik, abschließend geklärt ist die Frage angesichts der Zunahme hochwertig produzierter Corporate-Publishing-Titel aber nicht.

An diesem Freitag ist Redaktionsschluss der im August erscheinenden Ausgabe, die mit den Auswirkungen der Krise beim Greenpeace Magazin zu kämpfen haben wird. Die Autorin der Titelgeschichte hat ihren Text angesichts der jüngsten Entwicklungen zurückgezogen, Neu-Chefredakteur Michael Pauli ist darauf angewiesen, dass die verbliebene Mannschaft mitzieht. Ob er unter diesen Umständen tatsächlich "schnell beweisen" kann, "dass er das Magazin so kritisch und journalistisch anspruchsvoll gestalten wird, wie es die Leserinnen und Leser gewohnt sind" (Heuss), ist völlig offen. Am Ende, wie einige sagen, ist das Greenpeace Magazin damit nicht, aber es steht vor einem Neuanfang unter äußerst schwierigen Vorzeichen.