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Gespräch mit Katia Saalfrank:"Die Kamera wirkt wie ein Mikroskop"

Saalfrank: Es hat sich sehr viel verändert. Das Format kommt aus England. Dort gibt es eine ganz andere Tradition, mit Kindern umzugehen. Da sind Nannys ja nicht nur dafür zuständig, die Kinder zu betreuen, sondern müssen den Nachwuchs auch in die Gesellschaft einführen. Die Kinder sollen sich "benehmen" können. Es wird also ein bestimmtes Verhalten, das Erwachsene vom Kind erwarten, erzwungen. In meinem Ansatz geht es um das Verstehen! Jedes Kind hat für sein Verhalten einen Grund. Den müssen wir herausfinden und verstehen, dann können wir damit umgehen. Das bedeutet Beziehungsarbeit und Zeit. Das ist nicht so einfach. Ein Kind verhält sich oft völlig normal und ist in einer bestimmten Entwicklungsphase - nur wir Erwachsene können das Verhalten nicht deuten!

sueddeutsche.de: Die jetzige Staffel läuft gerade aus. Kommen denn neue Staffeln?

Saalfrank: Ja, dieses Jahr geht es erst mal weiter. Die nächste Staffel läuft im September. Ich freue mich, dass die Sendung Erfolg hat und weitergehen darf. Ich empfinde das als ganz große Chance für meine Familienarbeit. Ich treffe die Familien zwar relativ kurz, aber intensiv. Wenn es bei RTL irgendwann nicht mehr weitergeht, dann ist das so. Ich habe immer ganz gut zu tun. Viele haben ja schon gesagt, dass es bei RTL nicht länger als ein Jahr gehen werde. Nun sind wir mitten im sechsten!

sueddeutsche.de: Die Quoten gehen zurück. Coachingformate sind generell nicht mehr so gefragt.

Saalfrank: Ich bin keine Medienexpertin, sondern Pädagogin! Auf jeden Fall scheint es ein Publikum zu geben, das mal mehr und mal weniger einschaltet. Dieses Publikum möchte ich erreichen.

sueddeutsche.de: Der Sender versucht den Quoten entgegenzuwirken. Und was natürlich auffällt: Die Fälle werden immer extremer. Kinder werden aus Familien rausgenommen, es geht um Gewalt - wo ist denn da die Grenze?

Saalfrank: Das bekomme ich schon seit sechs Jahren gesagt, dass die Fälle extremer werden. Ich erlebe das nicht so. Es ist und bleibt eine Gratwanderung. Dazu stehe ich auch. Aber es geht eben auch immer wieder um Gewalt in Familien und Tabuthemen, die gesellschaftlich nicht angesprochen werden dürfen und uns doch alle betreffen! Ich empfinde es eher so, dass die Geschichten viel differenzierter dargestellt werden. Und es ist doch gut und wichtig, dass wir Themen wie körperliche Gewalt an Kindern besprechen dürfen. Insgesamt darf man nicht vergessen: eine Kamera wirkt wie ein Mikroskop. Und auch eine kleinste Sache wird dadurch sichtbar! Viele wichtige Themen, die sonst hinter geschlossenen Türen stattfinden, die sonst tabuisiert sind, können so gezeigt und in die Gesellschaft getragen werden.

sueddetusche.de: Was können Sie nicht mehr zeigen?

Saalfrank: Für mich ist die Grenze da, wo es pathologisch wird. Wenn psychiatrische Auffälligkeiten da sind - bei den Kindern wie auch bei den Eltern. Wenn es in der Arbeit passiert, benenne ich das. Aber das ist keine rein pädagogische Arbeit, sondern ich bringe dann beispielsweise die Mutter erst mal in die Psychiatrie.

sueddeutsche.de: Begleiten Sie die Familien nach einer Sendung noch?

Saalfrank: Ja, seit 2005 gibt es ja eine psychologische Nachsorge. Ein Team von drei Fachleuten begleitet die Familien weiter und macht auch die Nachsorge. Auch eine Supervision gehört dazu.

sueddeutsche.de: Und wie ist deren Bilanz? Können die auch langfristig eine positive Wirkung Ihrer Arbeit erkennen?

Saalfrank: Eine positive Wirkung hat es immer - auch langfristig. Strukturen werden aufgebrochen, Rituale werden neu probiert und die gemeinsame gute Erfahrung aus der Familienarbeit kann ihnen niemand nehmen.