First Steps Awards:Selbst ist der Nachwuchsfilmer

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Am Montag wird in Berlin der Preis für Abschlussfilme verliehen. Vernachlässigen die für die Finanzierung des deutschen Kinos unverzichtbaren öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF die Nachwuchsförderung?

Von David Denk

Vor zwei Jahren wurde die ganze ZDF-Nachwuchsredaktion "Das kleine Fernsehspiel" mit dem Ehrenpreis der First Steps Awards für Abschlussfilme ausgezeichnet. Auch die Bürokräfte durften auf die Bühne. Der Filmemacher und Kleines-Fernsehspiel-Zögling Robert Thalheim hielt eine persönliche Laudatio mit einem Schuss Politik, wünschte sich eine "Verkleinefernsehspielisierung" des ZDF-Hauptprogramms, eine Offenheit für den jungen Blick. Der heftige Applaus war ein politisches Statement: Lasst euch nicht unterkriegen.

Zwei Jahre später sagt die First-Steps-Programmleiterin Andrea Hohnen: "Mit der Ehrung wollten wir den Mitarbeitern des Kleinen Fernsehspiels öffentlich zeigen, wie wichtig sie sind - und damit auch deren Vorgesetzten." Hohnen beobachtet, dass das Kleine Fernsehspiel "immer mehr in die frühen Morgenstunden rutscht und damit immer mehr aus der öffentlichen Aufmerksamkeit." Ihr Eindruck: "Die Qualität des Filmnachwuchses hat sich in den letzten Jahren verzehnfacht, die Möglichkeiten, ihr Können zu zeigen, haben sich allerdings dezimiert."

Längst haben nicht mehr alle, die Filme machen, auch Film studiert

Bevor der von den Produzenten Nico Hofmann und Bernd Eichinger erfundene Preis am Montag in Berlin zum 15. Mal verliehen wird, stellt sich also die Frage: Vernachlässigen die für die Finanzierung des deutschen Kinos unverzichtbaren öffentlich-rechtlichen Sender die Nachwuchsförderung? Laut Hohnens Unterlagen waren im ersten First-Steps-Jahr 2000 alle neun nominierten abendfüllenden Spielfilme vom Fernsehen mitproduziert, 2014 sind es von fünf nur zwei. Zufall, oder sind die Sender wirklich auf dem Rückzug?

"Dieser Eindruck täuscht!" Cooky Ziesche, Leiterin der Filmredaktion des RBB, ist kaum zu bremsen, wenn sie aufzählt, was ARD-weit und bei ihrem Sender für den Nachwuchs getan werde: "Das ist beispielhaft." Es gebe die Reihe "Filmdebüt im Ersten" mit in diesem Jahr zwölf Beiträgen. Hinzu kämen die Debüt-Reihen in "fast allen dritten Programmen", neuerdings auch im NDR. "Es gibt einen Zuwachs an Debütreihen in der ARD, und die Sender, die schon immer gefördert haben, machen nicht weniger", so Ziesche. Der RBB unterhalte die Reihen "RBB Movies" für sechs in Berlin und Potsdam im dritten Studienjahr entstandene 30-Minüter und "Leuchtstoff - Hochschulfilme" für acht Abschlussprojekte jährlich. Diese Initiative wird wie auch die des NDR von der regionalen Filmförderung, hier dem Medienboard Berlin-Brandenburg, unterstützt.

Ein in Zeiten des allgegenwärtigen Sparzwangs attraktives Modell, das für das nicht föderal strukturierte ZDF ausscheidet. Doch Redaktionsleiterin Claudia Tronnier glaubt nicht, "dass die Anziehungskraft des Kleinen Fernsehspiels darunter leidet", sieht im Beharren auf der eigenen Unabhängigkeit gar "eine Art Wettbewerbsvorteil". Ihre Budgets seien "relativ konstant", sagt sie, "aber die Budgetansätze sind nicht gestiegen. De facto haben wir also weniger zur Verfügung." Das gelte aber auch für andere Sendeplätze. Auch der Termin am Montag gegen Mitternacht habe sich seit mehr als zehn Jahren nicht geändert, "doch es wird immer schwieriger, andere, frühere Sendeplätze für besondere Projekte zu bekommen."

"Es ist immer mehr Nachwuchs auf dem Markt"

"Bei dir zu landen, war das Größte, was man sich vorstellen konnte", sagte Robert Thalheim, 40, in der Laudatio übers Kleine Fernsehspiel und outete sich als Filmemacher aus einer anderen Zeit. Heute seien Talente "immer eher bereit, alternative Produktionswege, etwa Crowdfunding, zu suchen, um sich von endlosen Auswahl- und Finanzierungsrunden zu emanzipieren", sagt First-Steps-Motor Hohnen. Eine Beobachtung, die BR-Kurzfilm- und Debüt-Redakteurin Claudia Gladziejewski teilt: "Viele interessante Projekte, vor allem von jungen Nicht-Filmstudenten, bekomme ich gar nicht erst auf den Tisch." Dabei arbeite sie gern mit Quereinsteigern zusammen. Vorübergehend habe der BR sein Debüt-Engagement bei den Langfilmen gedrosselt, "weil wir so viel produziert haben und unsere Halde abbauen müssen."

Die Dominanz der Filmhochschulen in Berlin, München, Potsdam, Köln, Hamburg und Ludwigsburg, in Zürich und Wien, wackelt. "Es ist immer mehr Nachwuchs auf dem Markt", sagt Claudia Tronnier vom ZDF, "und die Qualität ist sehr hoch, sodass die Qual der Wahl groß ist." Längst haben nicht mehr alle, die Filme machen wollen, auch Film studiert. "Es gibt schon zu viele Filmstudenten", sagt Cooky Ziesche vom RBB, "und außerdem kann jeder heute mit einer Kamera aus dem Media Markt einen Film drehen." Dieses Überangebot beschäftigt auch Claudia Gladziejewski vom BR. "Kleine Filme kannibalisieren sich im Kino zunehmend gegenseitig." Vielleicht, formuliert sie vorsichtig, werde insgesamt zu viel produziert, "mehr als der Markt vertragen kann". Für Andrea Hohnen und First Steps ist mehr Auswahl bei steigender Qualität eine gute Nachricht, für den Filmnachwuchs bedeutet es vor allem eine weitere Verschärfung des Konkurrenzkampfes. Damit der erste Film nicht der letzte bleibt.

Mehr Informationen: firststeps.de.

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