Filmkritik Spätromantik

Zuletzt haben Robert Redford und Jane Fonda 1979 zusammen gedreht. Jetzt spielen sie für Netflix wieder ein Liebespaar - in einem überraschenden Film.

Von Susan Vahabzadeh

Altwerden ist nicht in all seinen Facetten eine feine Sache; angehäuftes Wissen und gesammelte Erfahrungen sind Güter des Geschicks, Gelenkschmerzen eher unbeliebt. Manchmal nützt aber all die Erfahrung gar nichts. Wer sich schon vor einem halben Jahrhundert aus dem Beziehungsanbahnungsgeschäft zurückgezogen hat, dem fallen auch keine besseren Anmachsprüche ein als einem Teenager. Addie, so beginnt Ritesh Batras Film Unsere Seelen bei Nacht, lungert also im Dunkeln vor der Tür des Hauses gegenüber herum, klingelt dann endlich und trägt Louis ihr Anliegen vor, als ginge es um einen nachbarschaftlichen Gefallen. Blumengießen im Urlaub oder so. Die beiden sind seit Jahrzehnten Nachbarn, verwitwet, meist allein, oft gelangweilt - Addie schlägt vor, die Nächte miteinander zu verbringen. Louis hört ihr zu, sein Mienenspiel variiert zwischen überrascht, befremdet und belustigt.

Jane Fonda und Robert Redford spielen Addie und Louis, die beiden sind zusammen ziemlich genau 160 Jahre alt, sie erleben also einen Fall von Spätromantik. Das mit dem Flirten kriegen sie noch sehr gut hin, und vor allem das Vertrautsein, das sich dann zwischen den Figuren entwickelt. Filme für ein älteres Publikum sind seit einigen Jahren in Mode, und sie fallen meist in eine von zwei Kategorien: Sie sind deprimierende Abhandlungen über das Lebensende oder klebrigsüße Feelgood-Movies. Unsere Seelen bei Nacht macht da nicht mit. Was Addie und Louis erleben, ist schön, aber leicht ist es nicht.

Batras Film läuft bei Netflix, dort hat Jane Fonda schon eine Serie (Grace und Frankie), dort läuft Redfords Science-Fiction-Film The Discovery. Es gibt gleich mehrere Gründe, warum Netflix in diese Projekte investiert: Um ein älteres Publikum aufzubauen, aber auch, weil die alten Stars immer noch viel berühmter sind als nachfolgende Schauspieler-Generationen, und weil eine bestimmte Art von Filmen im Kino zur Seltenheit geworden ist.

Unsere Seelen bei Nacht ist weder Spektakel noch filmisches Experiment, sondern einfach nur eine schön erzählte Geschichte, die manchmal lustig ist und manchmal rührend, ohne je rührselig zu werden. Addie und Louis brauchen eine Weile, um über ihre Unsicherheiten hinwegzukommen, wenn sie miteinander allein sind. Sie quatschen also die Nächte durch, um die Lücken aufzufüllen zwischen dem wenigen, was sie voneinander mitbekommen haben: Wie war das, als Addies Tochter starb? Wie kam es, dass Louis vor vierzig Jahren seine Frau wegen einer anderen verlassen hat und nach ein paar Monaten wieder zu Hause einzog? Aber da sind ja auch noch andere Menschen, und als die beiden gerade anfangen, einander so richtig zu genießen, steht Addies erwachsener Sohn (Matthias Schoenarts) vor der Tür.

Ein wenig Nostalgie liegt über diesem Film, vielleicht, weil er, mit sanfter Country-Musik und herbstlichen Erdtönen, so klingt und so aussieht wie der letzte Film davor, den Redford und Fonda gemeinsam gemacht haben, Der Elektrische Reiter (1979). Addie und Louis haben mit dem Paar von damals, der toughen Journalistin Hallie und dem versoffenen Rodeostar Sonny, auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Die Biografien sind andere, der Moment im Leben, um den es hier geht, ist aber doch ganz ähnlich: Auch die beiden jungen Hüpfer von damals trafen sich und stellten fest, dass sie dringend neue Prioritäten brauchen. Egal, wie alt man ist: Es reicht nicht, da zu sein; man muss schon auch wissen, wozu.

Unsere Seelen bei Nacht, auf Netflix.