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Fernseh-Wahlkampf in den USA:Gewagten Einlagen für das aufgeheizte Saalpublikum

Doch die Show-Elemente, mit denen die Statements zu Steuermodellen und Einwanderungspolitik immer öfter geschmückt werden, sind kaum mehr übersehbar: Die Kandidaten marschieren zu Fantasiehymnen auf die Bühne wie Gladiatoren, dramatische Bilder stellen den Ausrichtungsort vor, als sei er einen Abend lang der Mittelpunkt der Erde; und aus den Studios sind die Debatten mittlerweile in große Hallen umgezogen: "Je größer das Ereignis im Fernsehen wirkt, desto besser die Einschaltquote", erklärte der Washingtoner CNN-Chef Sam Feist der New York Times.

Drake University Hosts ABC News GOP Presidential Debate

Die Kandidaten wirken zunehmend wie eine Truppe tingelnder Standup-Comedians.

(Foto: AFP)

Dass die Debatten Reality-Shows gleichen, hat auch mit der Bewerber-Riege selbst zu tun. Dass keiner von ihnen das politische und biografische Gewicht eines John McCain besitzt, mag für die Republikaner fatal sein, doch es erhöht den Unterhaltungswert.

Statt mit Politveteranen hat man es mit mehr oder weniger talentierten Politikerdarstellern zu tun, die wie von einem Unterhaltungsprofi gecastet erscheinen: Da ist Michelle Bachmann, die Paranoia-Hexe mit dem irren Blick; Mitt Romney, der gelackte Businessman; Ron Paul, der drollige Alte; Rick Perry, der Texaner mit dem Todesstrafen-Tick. Es geht darum, die Kandidaten dazu zu bringen, aus der Rolle zu fallen und einen Blick auf das zu erhaschen, was sich unter ihrem Kostüm verbirgt.

Das ist umso leichter, als die Kandidaten regelmäßig der Versuchung erliegen, das aufgeheizte Saalpublikum mit gewagten Einlagen auf ihre Seite zu ziehen. Rick Perry prahlte - zu donnerndem Applaus - über die 234 Häftlinge, die er exekutieren ließ. Herman Cain machte sich dafür stark, den Zaun an der mexikanischen Grenze zu elektrifizieren, um das Einwanderungsproblem zu lösen. Doch was im Saal gut ankommt, irritiert oft in den Wohnzimmern und wird dank YouTube für immer wie Blei in den Schuhen der Kandidaten liegen.

So war es auch am vergangenen Samstag, als Mitt Romney, der die Umfragen seit Monaten anführte, Rick Perry zu einer Wette um seine Position in der Gesundheitspolitik herausforderte. "10.000 Bucks", also Dollar, bot er seinem Rivalen, zufrieden grinsend über seinen Coup.

Doch er hatte sich verrechnet: Als er von der Bühne ging, rangierte What10kbuys an der Spitze der Trending Topics bei Twitter; die Demokraten hatten das unsensible Zockertum des Multimillionärs bereits öffentlich verurteilt, und die meisten Beobachter waren sich einig, dass Romney seine Chance, Präsident zu werden, soeben verspielt hatte.

Schon seit längerem sind für viele Republikaner Staatsämter und Fernsehkarrieren zwei Seiten derselben Medaille. Sarah Palins Erfolg als Reality-Star (sie ließ sich in ihrem Familienalltag begleiten) und Kommentatorin bei Fox News gründete nicht zuletzt auf der ewigen Frage, ob sie nun noch einmal kandidieren wolle oder nicht. Kaum hatte Herman Cain seine Kandidatur "suspendiert", weil seine langjährige Geliebte an die Presse ging, begann der Sender auch schon, ihn öffentlich zu umwerben.

Dass die Kandidaten zur Stelle sind, wenn irgendwo Kameras laufen, überrascht also nicht. Dass sie zunehmend wirken wie eine Truppe tingelnder Standup-Comedians und mit jeder neuen Debatte mehr vom verbliebenen politischen Kapitel ihrer Partei verbrennen, nehmen sie in Kauf.

Schon an diesem Donnerstag macht ihr Wanderzirkus in Sioux City, Iowa halt. Donald Trump ließ übrigens verlautbaren, er habe seine Debatte mitnichten wegen mangelnder Teilnehmer abgeblasen, sondern weil er angesichts der schwachen Performance der republikanischen Anwärter eine Kandidatur als unabhängiger Kandidat prüfe.

© SZ vom 15.12.2011/rela/gr
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