Eurovision Song Contest in Stockholm "Darum geht es eigentlich: um Stolz"

Melodifestivalen für Millionen: Frans hat mit "If I Were Sorry" den Vorentscheid gewonnen und vertritt Schweden beim ESC-Heimspiel.

(Foto: Michael Campanella/Getty Images)

Christer Björkman, der Produzent des Eurovision Song Contest in Stockholm, der im Mai stattfindet, spricht über schwedische Begeisterung, deutsches Pech und die Chancen von Jamie-Lee Kriewitz.

Interview von Silke Bigalke

Die Stockholmer Globe Arena gleicht einem gigantischen Golfball. Unter ihrer Kuppel verbringt Christer Björkman viel Zeit, er produziert den Wettbewerbsteil beim Eurovision Song Contest im Mai. Abgehetzt und zu spät kommt der Schwede in die Hotel-Lobby nebenan. Er dürfe jetzt kein Detail mehr aus den 43 Auftritten vergessen, sagt er und bestellt Wasser. Auch nicht, wie er die schweren Laser-Bäume für Jamie-Lee Kriewitz' Manga-Show rechtzeitig auf die Bühne bekommt.

SZ: Herr Björkman, mal ehrlich: Hat Deutschland eine Chance nach dem ganzen Hin und Her bei der Kandidatenwahl?

Christer Björkman: Von diesen Problemen wissen die meisten Zuschauer ja gar nichts. Manga ist eine coole Sache, jedenfalls für die Jüngeren. Das könnte funktionieren. Ich würde es nicht ausschließen.

2015 war Schweden Erster, Deutschland Letzter. Was machen wir falsch?

Das war ein spezielles Jahr für euch. Da habt ihr nicht mal euren Gewinner aus dem Vorentscheid geschickt, weil der nicht wollte. Aber erinnern wir uns an Lena, das hat fantastisch funktioniert. Sie stand da alleine, mit einem wirklich modernen Song. Und man muss auch etwas Glück haben.

Deutschland hatte zuletzt einfach Pech?

Extremes Pech. Man kann nicht vorhersehen, dass ein Gewinner Nein sagt. Und man kann auch nicht überblicken, was ein Künstler alles gesagt oder getan hat. Trotzdem wird es unweigerlich irgendwann an die Oberfläche gezerrt. Für einen TV-Sender ist es schwierig, vor einem Wettbewerb Backgroundchecks zu machen. So funktioniert das nicht.

Sie spielen auf Xavier Naidoo an.

Ja.

Naidoo wurde vom Sender bestimmt. Sie haben dieses Verfahren zuletzt kritisiert.

Nicht kritisiert, ich fand es nur seltsam: Deutschland hatte viele Jahre Probleme und dann mit Lena endlich ein Modell gefunden, das funktionierte. Als TV-Produzent hätte ich das für ein paar Jahre beibehalten und geschaut, ob sich das Publikum damit wohlfühlt. Ich war verblüfft, dass man das nicht gemacht hat. Das Publikum weiß gerne, was kommt. Kontinuität. So schafft man eine Bindung zwischen Zuschauern, Musikindustrie und TV-Sender.

Wie in Schweden?

Ein Grund dafür, dass wir so ein großes Publikum beim Melodifestivalen haben, ist Konstanz. Wir haben dasselbe Modell seit 54 Jahren. Früher war es ein Abend mit zehn, zwölf Songs und der Sieger fuhr zum Grand Prix. Seit 2002 haben wir sechs Abende: vier Vorentscheide mit je acht Liedern, einen Abend der "Zweiten Chancen" und das Finale. So lernt das Publikum die Songs während der Shows besser kennen. Sie laufen im Radio und jeder hat schon vor dem Finale einen Favoriten.

Sogar der König schaut zu.

Das Gerücht besagt eigentlich, dass seine Kinder sich noch mehr dafür interessieren. Kronprinzessin Victoria und Prinzessin Sofia, die Frau von Carl Philip. Das sind die beiden großen Fans, denke ich.

Und der Rest von Schweden.

Die Quoten liegen bei 80 Prozent, also vier von fünf Zuschauern. Gemessen an der Gesamtbevölkerung sind es etwa 45 Prozent.

In Deutschland schafft das nur Fußball.

Es ist ja auch ähnlich wie beim Sport. Man will sich die Dinge ansehen, in denen man gut ist. Wir schauen viel Hockey, weil wir gut im Hockey sind. Tennis schauen wir weniger, das können wir nicht mehr so gut. Dasselbe Prinzip: Wir haben gute Ergebnisse beim Eurovision, also schauen die Leute Eurovision. Sie sind stolz. Darum geht es eigentlich: um Stolz.

Singen die Schweden einfach besser?

Wir haben eine gute Musikerziehung, ja. Und wir hatten enormen internationalen Erfolg über die Jahre, angefangen mit Abba, dann Roxette, Ace of Base, viele Hitproduzenten. Das zeigt den Schweden: Es ist möglich. Wenn die das können, kann ich es auch. Alle Songs aus unserem Finale beim Melodifestivalen haben es in die schwedischen Top Ten geschafft.

Beim ESC leihen sich viele Länder schwedische Songwriter aus, dieses Jahr für etwa zehn Beiträge. Wird das nicht eintönig?

Ja, vielleicht. Aber sie sind auch ziemlich gut darin, sich zu verstellen, wie Chamäleons. Wenn ihnen jemand sagt: Schreibt einen Song für Spanien, werden sie versuchen, Spanien irgendwie zu kopieren, aber auf schwedische Art. Überhaupt: Was ist ein schwedischer Song? Früher hat man gesagt: Ihr schickt immer diese Abba-ähnlichen-Songs. Das war unsere Art von Schlager, funktioniert überhaupt nicht mehr. Jetzt gibt es zeitgemäßen Pop.

Haben Schlager in Schweden auch einen schlechten Ruf?

Nicht schlecht. Schlager ist Tradition. Schlager ist fröhlich und einfach mitzusingen, aber er wird nicht im Radio gespielt und verkauft keine Platten.

Und ist kitschig?

Die kommerzielle Seite der Musikindustrie wird von Jugendlichen angetrieben, sie sind die größten Konsumenten. Musik muss junge Leute anziehen, sonst wird sie kein Hit. Sonst bekommt man eben nur Schlager, weil die Erwachsenen dazu neigen, zu hören, was sie von früher kennen. Wenn wir Evolution im Wettbewerb wollen, müssen wir auf die Jungen hören.

Sie haben kürzlich beklagt, dass der ESC in manchen Ländern als Kitsch verlacht wird. Wie erklären Sie sich das?

Weil man ihn dort nicht als Plattform sieht, um neue, moderne Musik zu zeigen. Zum Beispiel Loreen, die Gewinnerin 2012: Sie war Nummer eins in 23 Ländern. War sie ein One-Hit-Wonder? Absolut. Aber besser ein One-Hit-Wonder als gar kein Wunder. Sehr wenige machen aus dem ESC eine internationale Karriere wie Abba oder Celine Dion, aber es ist möglich. Doch dafür muss man den Wettbewerb ernst nehmen.

Deutschland hat den ESC auch nicht immer ganz ernst genommen, mit Guildo Horn und Stefan Raab.

Ja, und das hilft nicht. Es gibt immer Dinge, über die wir beim ESC lachen, weil es verschiedene Kulturen in Europa gibt. Was hier gut ist, wird dort ausgelacht. Das ist ganz natürlich. Aber den gesamten ESC als Lacher zu sehen, ist falsch.

Haben Sie einen Favoriten dieses Jahr?

Mehrere. Es ist ein sehr gutes Jahr. Wenn ich es mit Malmö 2013 vergleiche - das einzige Jahr, aus dem ich die Songs genauso gut kenne, weil wir es produziert haben - dann war 2013 Durchschnitt. Dieses Jahr gibt es hervorragende Songs. Ich glaube nicht, dass es wieder ein Loreen-Jahr wird, wo ein Künstler 18 mal zwölf Punkte bekommt. Sie werden besser verteilt sein, am Ende wird es sicher dramatisch.

Bei den Punkte-Ansagen aus den Länden wollen sie dafür jedes Drama vermeiden.

Die sollen so gut wie möglich aussehen. Wir haben extra eine Person abgestellt, die mit den 43 Sprechern aus den Ländern deren Skript durchgeht. Ich glaube, sie mussten bisher noch nie ein Skript vor der Show abgeben. Wir werden das proben, die Zeit stoppen, Verbesserungsvorschläge machen: Sagt aus Nervosität nicht, was alle vorher schon gesagt haben. Sagt nicht: "What a loooovely dress" und "What a fantaaaastic show".

Was sonst?

Etwas anderes. Deutschland macht das immer ziemlich gut, weil ihr von Hamburg aus schaltet und der Platz voller Menschen ist, das gibt eine fantastische Energie. Wir sagen den anderen immer: Macht es genauso, das ist fabelhaft.

Wenigstens etwas, das wir können.

Absolut, ich hoffe, dieses Jahr macht ihr es wieder genauso. Es ist immer so eine Erleichterung, wenn die Punkte aus Deutschland kommen. Ich liebe das.