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"El Presidente" auf Amazon Prime:Die perfekte Marionette

Zigarrenverrauchte Hinterzimmer und millionenschwere Deals. Mit Sarkasmus erzählt "El Presidente" die Vorgeschichte des Fifa-Gate.

Von Thomas Hürner

El Presidente, Serie

Sergio Jadue (Andrés Parra) fehlt es zunächst an Skrupellosigkeit. Dennoch steigt er schnell in der Fußballhierarchie auf.

(Foto: Amazon)

Vermutlich haben sie alle mal als williger Gehilfe angefangen, als Laufbursche. So war das bei Joseph "Sepp" Blatter, dem einst allmächtigen Strippenzieher im Weltfußball, und so ist das auch bei Sergio Jadue. "In Südamerika ist man als Präsident eines Fußballverbands genauso wichtig wie der Präsident des Landes", erklärt zu Beginn eine Stimme aus dem Off, "manchmal sogar ein bisschen wichtiger." Damit wäre schon fast alles über das Selbstverständnis des Zirkels gesagt, zu dem Sergio Jadue so gerne gehören möchte.

Die Stimme spricht zum Zuschauer aus dem Jenseits. Und sie verfügt über die notwendige Expertise: Sie gehört dem fiktiven Julio Grondona. Der echte Grondona war Fußballfunktionär aus Argentinien, der bis zu seinem Tod 2014 in der Fifa eine steile Karriere hingelegt hatte: Er saß im Exekutivkomitee des Weltfußballverbands und war dessen Finanzchef. Gegen "Don Julio", so sein geläufiger Kosename, wurde auch wegen Geldwäsche und Steuerhinterziehung ermittelt. Verurteilt wurde er nie.

Der Achtteiler El Presidente auf Amazon Prime spielt die wahre Geschichte Jadues nach und beginnt mit der Beerdigung seines Mentors Grondona. Der ist in der Serie von da an so etwas wie das fehlende erzählerische Gewissen. Ohne Reue, dafür mit einem finsteren Sarkasmus. Und auf Spanisch - vorerst gibt es nur deutsche Untertitel. Wer könnte die Handlung auch besser kommentieren als Don Julio? Er, gespielt von Luis Margani, hat nicht nur diese Fifa miterschaffen, sondern auch Sergio Jadue, gespielt von Andrés Parra.

Der startet seine Funktionärslaufbahn bei einem chilenischen Zweitligisten, aber der Provinzling will hoch hinaus. Wie es der Zufall will, ist im chilenischen Fußballverband gerade das Amt des Präsidenten frei geworden. Für die dort etablierten Herren ist der 31-jährige Jadue die perfekte Marionette, mangelt es ihm doch an allem, um in ihrem Metier zu bestehen: Skrupellosigkeit, Kontakte, Charisma. Einer, der auf seinem ersten kontinentalen Funktionärstreffen über den prall gefüllten Geldkoffer staunt, den jemand in seinem Hotelzimmer platziert hat.

Aber Jadue trifft auf Grondona, und dann trifft er auf viele weitere mächtige Männer, die in zigarrenverrauchten Hinterzimmern millionenschwere Deals eintüten. Jadue lernt schnell, räumt Konkurrenten aus dem Weg, steigt auf in der Fußballhierarchie, später wird er noch zum FBI-Spitzel und als Informant gegen den unantastbaren Fifa-Boss Blatter aussagen.

Klingt aufgeblasen? Der oscarprämierte Regisseur Armando Bó (Birdman) erzählt im Grunde nur die Vorgeschichte von "Fifa-Gate", die Enthüllung des zügellosen Korruptionssystems im Jahr 2015. Bisweilen satirisch, nie hektisch, immer bewusst überzeichnet. Wenngleich man sich da nicht ganz sicher sein kann: Szenekenner würden sich nicht wundern, wenn es hinter den Kulissen in Wahrheit noch viel aufgeblasener zuging. Oder mit den Worten Julio Grondonas: "Dass man von unten kommt, heißt nicht, dass man nicht aufsteigen kann."

© SZ/avob
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