Dortmund-Tatort "Eine andere Welt" Wenn Blicke beben können

Sehr körperlich: Die Gewalttaten, die die Ermittler Peter Faber (Jörg Hartmann, rechts) und Martina Bönisch (Anna Schudt) zu klären haben, spielen sie noch immer nach.

Der Dortmund-"Tatort" hat es bei den beiden Premierenfolgen im vergangenen Jahr mit der Experimentierfreude übertrieben. Doch nun - in der dritten Folge - finden die Ermittler zu beachtlicher Form.

Von Holger Gertz

Das Dortmunder Team war in den beiden Premierenfolgen im vergangenen Jahr eine Herausforderung für das Publikum, vielleicht eine Zumutung. Zwei junge Kommissare, die die Nächte miteinander verbringen und dauernd über diese Nächte noch prollig reden. Dazu eine ältere Kollegin, die es sich vom Callboy besorgen lässt. Und ein bekloppter Chef, der seinen Schreibtisch kurz und klein schlägt.

Das war zu viel für die Zuschauer, die immer nach experimentierfreudigen Tatorten schreien, aber auf nichts so allergisch reagieren wie auf experimentierfreudige Tatorte. Wobei es Kommissar Faber tatsächlich etwas übertrieben hat mit der Klopperei. Er schien schon nach zwei Episoden gefangen zu sein in der Rolle des Psychos mit dem Baseballschläger.

Im dritten Teil jetzt wird Faber aus der Klischeecharakterfalle gerettet, Regisseur Andreas Herzog erzählt nicht nur Fabers Geschichte weiter: Frau und Tochter sind bei einem Verkehrsunfall gestorben. Er baut das Schicksal zusammen mit den Ermittlungen im aktuellen Fall, Mädchenleiche im Phoenixsee.

Fabers Kollegen sind nicht länger nur Passanten. Aus Fremdheit wird Neugier, aus Neugier wird Nähe, aus Nähe wird Wärme. Wenn Peter Faber (Jörg Hartmann) sagt: "Ich wünsche mir, dass Sie mir helfen, nicht verrückt zu werden", wird ihm Hilfe gewährt. Vom Gerichtsmediziner genauso wie von Kollegin Martina Bönisch (Anna Schudt), die ihm andererseits zeigt, wo der sogenannte Hammer hängt: "Gehen Sie nach Hause, lesen Sie ein gutes Buch, und legen Sie sich in die warme Wanne - wenn die noch heil ist."

Da ist Zorn, aber auch Zuneigung

Fabers Ausbrüche stehen nicht länger als Ereignis in der Landschaft, sie werden erklärt, und sie werden ironisiert.

"Eine andere Welt" heißt die Folge, es geht um Menschen, die nach oben wollen und es nicht nach oben schaffen - aber die Ermittler finden zu einer beachtlichen Form.

Die Gewalttaten, die sie zu klären haben, spielen Faber und Bönisch noch immer nach, eine eigene Marke dieser Ermittler, sehr körperlich. Manchmal treten dabei die Gefühle nach außen, da ist Zorn, aber da ist auch Zuneigung, von der wunderbaren Anna Schudt schön verhalten rübergebracht.

Sie ist diesmal ein Gegengewicht zu Hartmann als Faber, dessen übernächtigtes Gesicht immer mal wieder in Großaufnahme gezeigt wird. Wie wund so ein Mann aussehen kann, ganz ohne Anflug von Weinerlichkeit. Würden Blicke beben können: Diese Blicke hier beben. Sollte man gesehen haben.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

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