Dokumentarfilm Brüder ohne Herkunft

Wiedersehen nach vielen Jahren: Aida war bei Kriegesende 14 Jahre alt. Shep (re.) und Izak gab sie weg. Warum, wissen die Söhne nicht.

(Foto: SWR/Alon Schwarz)

Alon Schwarz erzählt von Aida, die kurz nach dem Krieg zwei Söhne zur Welt brachte, die getrennt aufwuchsen und lange nichts voneinander wussten - gemeinsam besuchen sie die Mutter, die sie weggab. Da wären so viele Fragen...

Von Hans Hoff

Eine verworrene Familiengeschichte so zu erzählen, dass der Zuschauer 90 Minuten dabei bleibt und durchgehend versteht, worum es geht, ist sehr, sehr schwer. Erst recht, wenn sich die Geschichte über 70 Jahre und drei Kontinente erstreckt und ihr handelndes Personal Schwierigkeiten hat, die eigene Position zu begreifen. Umso größer fällt die Überraschung aus, wenn es einer Dokumentation gelingt, trotzdem so faszinierend zu erzählen, dass man streckenweise meint, einen Spielfilm zu sehen.

In dieser Doku von Alon Schwarz geht es um Aida, eine Frau, die vor ein paar Jahren in Kanada gestorben ist. Ihre Beisetzung ist am Anfang und am Ende dieses Films zu sehen. Freunde und Angehörige nehmen Abschied von einer Frau, die bei Kriegsende 1945 gerade mal 14 Jahre alt war, die damals aus Polen in das zum Auffangquartier umfunktionierte Lager Bergen-Belsen kam und dort zwei Kinder bekam. Izak hieß das eine, das sie weggab, auf dass es in Israel adoptiert werde. Szepsel war der Name des anderen Sprösslings, der später mit seinem Vater nach Kanada auswanderte, wohin auch Aida zog, allerdings in eine ganz andere Stadt.

Was anfangs lediglich klingt wie eine etwas verworrene Geschichte, offenbart rasch eine größere Dimension, denn die Brüder wussten lange nichts voneinander. Sie treffen sich im Film zum ersten Mal, und doch wirft ihre Begegnung mehr Fragen auf als sie beantwortet. Sind sie wirklich Brüder? Und wer sind die beiden Männer, mit denen sie als Kinder gemeinsam mit Mutter Aida auf vergilbten Fotos zu sehen sind?

Alon Schwarz zieht die Zuschauer hinein in diese Geschichte, die vor allem vom beharrlichen Schweigen jener Generation handelt, die den Krieg durchlitten hat. Schwarz ist der Neffe von Izak, was ihm einen sehr direkten Zugang ermöglicht. Die Kamera ist dabei, wenn die Brüder etwas Neues erfahren, wenn sie einander begegnen, wenn sie bei Aida vorstellig werden. Doch Aida mag nicht erzählen, wie das damals war in Bergen-Belsen. Sie sagt nicht, was es mit den beiden Männern auf sich hat. Sie schweigt bis ins Grab.

Das große Glück für den Filmemacher Schwarz ist, dass seine beiden Onkel recht extrovertierte Menschen sind, die aus ihrer Seele keine Mördergrube machen und ihr Herz sehr oft auf der Zunge spazieren schicken. Aidas Geheimnisse ist ein Film über die Frage, wo Menschen herkommen, wohin sie gehören, warum sie geworden sind, was sie sind. Es geht um Brüder, die den Krieg nicht erlebten, aber zeitlebens unter den Folgen zu leiden haben. Das hätte man mit dramatischer Orchestermusik zur großen Tragödie veredeln können, aber Schwarz hat einen anderen Weg gewählt. Er federt seine Erzählung ab durch einen Soundtrack, der stets ein wenig billiger klingt als die Bilder wirken. Er verdeutlicht so, was seine Protagonisten vorleben, die immer für einen Scherz oder eine witzige Bemerkung zu haben sind.

So traurig das Leben auch ist, sie können es auch leicht nehmen.

Aidas Geheimnisse, Das Erste, 22.45 Uhr.